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Das geheimnisvolle Fichtenbäumchen

von Manfred Fendrich, Main-Echo vom 30.12.2004

Alzenau.
Im Wald zwischen Alzenau, Kahl und Neuwirtshaus steht ein Fichtenbäumchen. Auf den ersten Blick ein ganz ordinäres Bäumchen, doch es muss eine besondere Anziehungskraft besitzen. Denn jedes Jahr zur Weihnachtszeit hängen seine Äste und Zweige voll mit Kugeln und Kettchen und Kärtchen.

Dieses Jahr steht zu seinen Füßen sogar ein Krippchen mit Maria und Josef und dem Jesuskind.

Wer das Bäumchen finden will, muss lange suchen. Denn es steht, versteckt hinter Bäumen, zwar nicht weit von der Birkenhainer Straße, aber abseits vom Weg. Also mitten im Wald. Und doch tummeln sich in seiner Nähe immer wieder verdächtig viele Menschen in eng anliegenden Sportklamotten und grellen Turnschuhen, aber auch Wanderer, Förster und Jäger. Sogar ein Hundeschlittengespann ist dort schon gesichtet worden. Und, so erzählen jedenfalls die Leute, es seien dort längst nicht mehr nur Alzenauer und Kahler anzutreffen, sondern auch Rodenbacher und Kleinostheimer, Michelbacher und sogar Aschaffenburger.

Ein Bild vom Schäferhund

Vor Jahren sei Nikolaus persönlich dort aufgetaucht, und das leibhaftige Christkind soll einmal eine ganze Gruppe von Frauen beschert haben. Ganz zu schweigen von jener Horde aus Hessen, die sich am hellichten Tag, vom Glühwein beseelt, um unser Bäumchen scharte und lauthals »Oh Tannenbaum« durch den winterlichen Weihnachtswald grölte.

Beim näheren Studieren des Schmuckes fällt auf, dass das Fichtlein offensichtlich Menschen der verschiedensten Wesensarten anzieht. Neben all den Engelchen und Sternchen fallen die vielen Karten auf - 40 mögen es in diesem Jahr wohl sein. Auf der einen wünscht sich ein Erdenkind für das nächste Jahr besonders schnelle Beine, auf einer anderen ist die genaue Zeit genannt, in der 2005 eine bestimmte Strecke zu Fuß zurückgelegt werden soll. Aber es gibt auch ganz bescheidene Wünsche nach Frieden, Freude und Gesundheit. Die Karte, auf der ein Zeitgenosse, weiblich oder männlich, all seine Sorgen abgeladen hat, und jene, auf der der Besitzer eines Vierbeiners stolz das Bild seines reinrassigen Schäferhundes ausstellt.

Wer mit dem Ganzen angefangen hat? Wir haben es herausbekommen. Schuld an allem ist eine Person namens Irene Reisert, 63 Jahre alt, verheiratet, wohnhaft in Kahl am Main. Sie hat inzwischen ein volles Geständnis abgelegt: »Ja, ich war's.« Und zwar genau vor 25 Jahren, als sie ihren ersten Marathonlauf (in München) zu Ende gebracht hat, setzte sie den Brauch in den Wald. »Wir feiern heuer so etwas wie Silberhochzeit«, erzählt sie lachend.

»Er zieht mich magisch an«

Sie hatte damals angefangen zu joggen, und sie lief und lief immer weiter in den Wald hinein. Es machte ihr »einen Wahnsinnsspaß«, der dazu führte, dass sie irgendwann 100 und sogar einmal 160 Kilometer am Stück laufen konnte. Und dann kam die Schnapsidee, am Wendepunkt ihrer 17 Kilometer langen Trainingsstrecke in der Weihnachtszeit ein Gedicht und ein paar Kugeln an einen Baum zu hängen. »Nur um die Leute zu erfreuen«, wie sie heute sagt.

Hundert Kilometer läuft Irene Reisert nach 25 Jahren nicht mehr, nur noch sieben, aber das dreimal die Woche. Das Bäumchen von damals ist nicht mehr das von heute. Der erste Baum der Irene ist längst eine ausgewachsene Fichte, an deren Äste ohne Leiter kein Mensch mehr herankommt. Der zweite ist am Kult des Läufervolkes oder besser am Gewicht des angehängten Schmuckes eingegangen. Nummer drei tut es noch ein paar Jahre, jedenfalls wenn es die Laufkundschaft der Irene Reisert nicht allzu toll treibt. Aber da passt sie schon auf. Denn: »Ich muss immer wieder zu diesem Baum«, sagt sie, »er zieht mich magisch an.«

Übrigens: Jedes Jahr, irgendwann nach Dreikönig, ist von gestern auf heute der ganze Schmuck vom Baum verschwunden. Wie das wiederum geschieht, weiß noch nicht einmal Irene Reisert.

Behauptet sie jedenfalls.