Showdown in der Vertikalen oder Go Vertical Chicago 2008
Chicago, 4. November 2008. Im Grant Park wird ein neuer Messias gefeiert. Der historische Wahlsieg von Barack Obama, dem Senator von Illinois und zukünftigen ersten schwarzen Präsidenten nicht nur Amerikas, sondern überhaupt in der gesamten westlichen Welt, rückt die „Windy City“ am Michigansee in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Auch wenn es für den smarten, intellektuellen, drittjüngsten je gewählten Präsidenten der USA schwer, wenn nicht sogar unmöglich sein wird, das Desaster das die Bush Administration angerichtet hat, aufzuräumen. Eine psychologische Veränderung hat er auf jeden Fall schon bewirkt. Als ich kurz darauf in die USA einreise ist die Stimmung eine völlig andere, als in den letzten sieben Jahren unter dem Kriegskabinett der Republikaner.
Nur fünf Tage nach dieser historischen politischen Wende wird die Stadt, welche sich anschickt für die Olympischen Spiele 2016 zu bewerben, zur Pilgerstätte einer besonderen Spezies von Ausdauersportlern. 2250 Teilnehmer im Alter von sieben bis 80 Jahren wollen sich beim alljährlichen und schon seit Wochen ausgebuchten Treppenlauf auf den Sears Tower in der Vertikalen austoben.Die Besteigungsdaten des 7. „Go Vertical Chicago“ fordern auch dem gestandenen Ausdauersportler Respekt ab: 103 Stockwerke, 2109 Treppen und 412 Höhenmeter sind zu erstürmen. Das ist weltspitze, kein Indoor Treppenlauf hat mehr zu bieten. Der Kenner weiß, das ist die Hölle! Ein nicht enden wollender, anaerober Exzess mit dem in geschlossenen Gebäuden typischen Sauerstoffmangel. Treppenläufe, die sich weltweiter Beliebtheit erfreuen, sind das ultimative urbane Abenteuer in der Vertikalen. Und nicht nur für Sportler gedacht, denen ebenerdig nicht mehr genug ist oder bei denen es geradeaus nicht so gut läuft. Treppenläufe sind die effektivste Trainingsmethode. In kurzer Zeit ist der Puls auf Anschlag, ohne dass der Bewegungsapparat orthopädisch stark belastet wird. Sozusagen ein Herz-Kreislauftraining erster Klasse. Die Mutter aller Treppenläufe ist der Empire State Building Run Up in New York (86 Stockwerke, 1576 Treppen, 300 Höhenmeter), der bereits seit 30 Jahren existiert.
Der Sears Tower ist das höchsteGebäude Amerikasund wurde nach dreijähriger Bauzeit im Jahr 1974 eröffnet, die Baukosten betrugen US-$ 175 Mio.Mit 442 Metern (Gesamthöhe mit Antenne 527m) und 110 Stockwerken war er über zwei Jahrzehnte lang das höchste Gebäude der Welt. Dieser Titel ging 1997 an die Petronas Towers in Kuala Lumpur (Dachhöhe 452m) – jedoch wurde in der Folge heftig über die entscheidenden Masse gestritten, insbesondere ob die Antennenhöhe oder die Dachhöhe maßgeblich ist. Mit der Gesamthöhe von 527m ist der Sears Tower heute noch das vierthöchste nicht abgespannte Bauwerk der Welt (nach der Baustelle des Burj Dubai in Dubai, am 19. Oktober 2008, 730m; dem CN Tower in Toronto, 553 m und dem Ostankino-Turm in Moskau, 540m) und überragt die Petronas Towers um 75m sowie den Taipei 101 um 19m. Der Tower wurde nach dem amerikanischen Einzelhandelskonzern Sears benannt und bietet mit seiner Nutzfläche von 418.064 Quadratmetern über 100 verschiedenen Firmen Platz. Das Gebäude besteht aus neun quadratischen Röhren, ist mit schwarzem Aluminium verkleidet und die Fassade setzt sich aus rund 16.100 Fenstern zusammen.Die Antennenspitze des Sears Towers ist zugleich der höchste Punkt im US-Bundesstaat Illinois (527,3m über dem Straßenniveau Chicagos und 708 m über dem Meeresspiegel). Der höchste natürliche Punkt in Illinois ist der Charles Mound mit 376 Metern.
Ab sieben Uhr Morgens werden die Teilnehmer aus sieben Nationen in die monotone Einsamkeit der Treppenwelt entlassen um das „Monster“ zu bezwingen. Es erfolgt Einzelstart im Intervall von sieben Sekunden, womit die gesamte Startprozedur knapp vier Stunden beansprucht. Sechs Wasserstationen sind entlang der Kletterstrecke aufgebaut. Wer überholt wird tritt spätestens auf Zuruf beiseite und läßt den Überholenden innen vorbei. In schnellen Trippelschritten Stufe für Stufe zu nehmen ist die effektivste Strategie. Die Hände unterstützen dabei die Oberschenkel. Das Geländer wird nur benutzt, um die Kurven mit Schwung zu nehmen. Aus psychologischen Gründen sollte man die Nummerierung der einzelnen Etagen ignorieren. Denn wer nach 20 Stockwerken und bereits im Zustand der starken Hyperventilierung mit der Tatsache konfrontiert wird, dass noch weitere 83 Etagen zu nehmen sind, kann leicht irre im Kopf werden und Frust bekommen..... Die Topläufer werden zuerst gestartet, danach tummelt sich ein buntes Gemisch von Ausdauersportlern und Treppenenthusiasten aller Couleur im Treppenhaus. Da der Start ab sechs Jahren erlaubt ist sind erstaunlich viele Kinder und Jugendliche dabei. Neben Fun Runnern und Kostümierten sind auch Schwerarbeiter am Werk: Feuerwehrleute die in voller Montur und schwerem Gerät das Schlachtfeld beackern.
Der ganze Spaß hat natürlich auch einen ernsten Hintergrund. Das gesamte Event ist eine Spendenveranstaltung der Stiftung für Krebsforschung. Deshalb sind auch etliche Läufer dabei, die in Erinnerung an durch Krebs verstorbene oder für daran erkrankte Freunde und Familienangehörige laufen. Nicht wenige sind selbst Betroffene, die den Krebs überlebt haben. Die Damon Runyon Cancer Research Foundation in New York, zugleich Veranstalter des Go Vertical Chicago, wurde bereits 1946 gegründet. Sie investiert in die besten Nachwuchsforscher, rekrutiert diese für die Krebsforschung und fördert ihre Ausbildung, Forschungsarbeiten und –projekte. Von den über 3000 Forschern die von der Organisation seit dem gefördert wurden gingen elf als Nobelpreisträger hervor! In das Startgeld sind automatisch US-$ 55.- Spendenbeitrag pro Teilnehmer integriert. Mit weiteren Spenden im Rahmen der Veranstaltung kamen so in diesem Jahr insgesamt US-$ 400.000.- zusammen, die zu 100% für die Krebsforschung verwendet werden. Die administrativen Kosten finanziert Damon Runyon über seinen Ticketverkauf für populäre Broadway Shows.
Wie durch ein Himmelstor spuckt der farblose Treppenschacht die Läufer auf dem Skydeck wieder aus und zurück ins pralle Leben. Es gibt wohl nur wenige Rennen auf der Welt, die im Ziel eine derart grandiose Kulisse bieten! Chicago ist eine großartige Stadt, aber von oben ist sie einfach nur ein Orgasmus für das Auge. Von der 412m hoch gelegenen Besucherplattform im 103. Stock kann man an guten Tagen bis zu 80km weit in vier verschiedene Bundesstaaten blicken. Der Lake Michigan, an dessen Südwestufer die Stadt liegt, erstreckt sich wie ein riesiges Meer bis zum Horizont. Expressaufzüge, die mit 8m/s (28,8km/h, 480m pro Minute)zu den schnellsten der Welt gehören, bringen hier jedes Jahr eine Million Besucher hoch. Nur einmal im Jahr ist das Skydeck einen halben Tag lang für das normale Publikum gesperrt. Dann gehört es den Treppengurus und urbanen Sportabenteurern. Der Treppenrekord von 13:26 Minuten (= 2,62 Stufen pro Sekunde bzw. 157,2 Stufen und 30,6 Höhenmeter in der Minute) aus dem Jahre 2005 blieb auch dieses Jahr unangetastet. Terry Purcell eroberte zum dritten Mal den Titel des Treppenkönigs in 13:55, nur eine Sekunde vor Christopher Schmidt (13:56)!Dritter wurde der Kanadier und somit schnellster Ausländer, Jean Francois Harvey in 13:59. Als schnellster deutschsprachiger Läufer erreichte der 30-jährige Österreicher Rolf Majcen in 14:32 den siebten Platz. Bei den Frauen waren die Abstände klarer: Treppenqueen wurde zum siebten Mal in Folge Cindy Harris in 15:45 (12. Platz Gesamt), vor Jennifer Carder mit 16:02 (15. Gesamt) und Bridget Carlson in 16:55 (24. Gesamt). Als wahre Genießerin stellte sich Delia Akins heraus, die ihr Startgeld 1:50:31 Stunden lang auskostete und mit dem 1952. den letzten Platz belegte. Bei den ambitionierten Treppenläufern gleicht das Ambiente im Ziel einem fröhlichen Asthmatikertreffen. Durch die extrem anaerobe Belastung und trockene Luft im Treppenhaus wird die Lunge stark in Mitleidenschaft gezogen. Ein kollektives Husten ersetzt hier internationale Sprachbarrieren. Die Symptome verschwinden jedoch nach spätestens einem Tag wieder. Das starke Schleimaufkommen im Rachen entsorgen einige dann sogleich auf der höchst gelegenen Toilette der Welt.....
Das gemeine Fußvolkkommt zwar schwitzend und keuchend, aber in relativ gutem Zustand am Ende der Himmelsleiter an. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung und jeder ist stolz auf seinen Sieg beim Treppenkampf und der Gelegenheit, bei einem nicht alltäglichen Spaß dabei gewesen zu sein. Die Ausdünstungen hunderter schwitzender Leiber kann selbst die beste Klimaanlage nicht bewältigen und schon bald sind einige der großen Aussichtsfenster restlos beschlagen. Freundliche Helfer hängen jedem Hochhausbezwinger noch eine Medaille um den Hals, bevor es in 45 Sekunden mit dem Lift in rasanter Fahrt wieder nach unten und zurück in die Horizontale geht.
Der Hochhausbau boomt, die Wolkenkratzer werden immer höher. Infolge dessen entwickelt sich der Treppenlauf –Indoor wie Outdoor- immer mehr zu einer eigenen Disziplin, die nicht nur Abwechslung und neue Herausforderungen bringt, sondern auch ihre ganz besonderen Reize entfaltet. Die Metropolen dieser Welt bieten somit ein riesiges Potential für Treppenläufe verschiedenster Art – Raum für ganze Cup-Veranstaltungen in verschiedenen Höhenkategorien und Entfaltungsmöglichkeiten für eine Hochhausliga in der Laufbewegung......
Stefan Schlett
Eine Fotoserie dieses Events liegt in unserem Bilderalbum.
Anhang:
Die Top 3 Outdoor – Events:
Sächsischer Mt. Everest Treppenmarathon: Jeweils 39.700 Stufen und 8848 Meter hoch und runter, Laufdistanz 84,390 km. Die Strecke geht über eine Treppe durch den Weinberg mit einem Höhenunterschied von 88,48 m, die 100 Mal zu bewältigen ist. Info: www.treppenlauf.de
Niesentreppenlauf in der Schweiz: 11.674 Stufen und 1669 Höhenmeter auf den Berg Niesen. Info: www.niesenlauf.ch
Treppencup auf der Europatreppe in Partenen im Montafon/Österreich: 3610 Stufen und 700 Höhenmeter entlang der Vermunt-Seilbahn.
Info: www.towerrunning.com/deutsch/rennen/partenen.htm
Die Top 3 Indoor – Events:
Go Vertical Chicago:
103 Stockwerke, 2109 Treppen und 412 Höhenmeter auf den Sears Tower in Chicago
Info: www.goverticalchicago.org -
Email: GoVerticalChicago@damonrunyon.org
Menara International Towerthon in Malaysia: 1000m und 90 Höhenmeter. Anlauf bis zum Menara Kuala Lumpur Tower und dann 2058 Treppen und 288 Höhenmeter den Turm hoch.
Info: www.menarakl.com.my
Taipeh 101 Run Up in Taiwan: 91 Stockwerke, 2046 Treppen, 390 Höhenmeter auf den Taipeh 101.
Info: www.towerrunning.com
Außerdem: Climb Chicago auf die Presidential Towers. Vier identische Hochhäuser mit jeweils 45 Etagen, von denen man einen oder alle vier während des Wettbewerbs erklimmen kann; die Zeit zwischen den Wohnblocks wird mitgezählt (= 180 Stockwerke und 4680 Stufen).
Info: www.mrsnv.com/evt/home
Über den Autor: Stefan Schlett stellte 1994 einen Weltrekord im Treppensteigen auf, in dem er auf einer abwärts führenden Rolltreppe 5:03:11 Stunden hochstieg und dabei 5000 Höhenmeter und 21.403 Treppen bewältigte. Den Sears Tower hechtete er beim aktuellen Event in 17:25 Minuten hoch, was den 28. Gesamtplatz und den 8. Platz in der Altersklasse 40-49 bedeutete. Mit schwerer Lunge und um zehn Jahre gealtert kam er anschließend seinen journalistischen Pflichten nach.
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