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Die erste Frau war ein Mann

Unser Stefan Ultra-Schlett beschreibt seine besonderen Erlebnisse beim Ironman Frankfurt

Nach einem Dutzend weltweiter Ironman-Happenings und dem (Üb)erleben von Double-, Triple-, Quadruple-, Quintuple-, Decatriathlons und Ultramans wollte ich mich diesmal nicht als Aktiver, sondern als Helfer ins Schlachtgetümmel eines eisenharten Wettbewerbes einbringen. Der Tatort: Frankfurt, Ironman Europameisterschaft, Mainkai. Per Los wurde mir die Fahrradbegleitung der ersten Frau auf der Marathonstrecke zugeteilt. Dafür bekam ich ein T-Shirt in Leuchtfarbe übergestülpt, auf dessen Vorder- und Rückseite in großen Lettern 1.Frau prangte. Schon auf dem Fußweg zur Wechselzone erntete ich seltsame Blicke der Passanten: "Hey, bist du die erste Frau?" Antwort: "ja, ich stehe kurz vor einer Geschlechtsumwandlung“.

Schon wenig später
halte ich das Bike in der Hand, ausgestattet mit einem bunten Fähnchen an einer zwei Meter langen Stange und auf dem Lenker ein großes Schild: 1.Frau. Ich harre der Dinge die da kommen. Und da kommt sie schon, mit großem Vorsprung, die führende Frau – Chrissie Wellington. Wow! – die Weltmeisterin, die Triathlon-Senkrechtstarterin der letzten zwei Jahre! Ich werde nervös, der Puls bewegt sich Richtung Endspurtniveau. Nervös wird auch Mike-Mike (Mike Hamel) – Deutschlands populärster Kommentator in der Szene. Er springt über die Absperrung, kündigt den Superstar an, bringt die Zuschauermassen zum Toben – und outet mich (den Verrückten) noch schnell als Extremsportler.

Da kommt sie schon
aus der Wechselzone gestürmt. Klein, zierlich, attraktiv, 31 Jahre jung – die Britin ist ein Energiebündel mit fast jetzt schon uneinholbarem Vorsprung. Ich empfinde es als Gnade, solch eine Ausnahmeathletin auf ihrem Triumphzug durch Mainhattan begleiten zu dürfen. Und schon geht es rein in den brodelnden Hexenkessel. Tausende Zuschauer kreischen, schreien, trommeln, hupen und pfeifen. Die Stimmen der Moderatoren überschlagen sich. Rhythmischer Discosound dröhnt durch die engen Laufgassen. Und vorne weg der Mann mit der Aufschrift 1.Frau. Fast schon wird ein gewisser Beschützerinstinkt geweckt. Wie soll ich meine Frau nur heil durch dieses Getümmel bringen? Vier Runden auf dem Schlachtfeld der völlig aus dem Häuschen geratenen Bankenmetropole - die doch sonst eher nüchtern und ruhig ist - sind zu überstehen. Halleluja – eine völlig neue Extremerfahrung. Höchste Konzentration ist gefordert. Zuschauer, Helfer und Teilnehmer dirigieren - und manchmal mit sanfter Gewalt beiseite schieben. Auf das Presse-Motorrad acht geben. Aufpassen, dass ich meine Frau nicht verliere. Noch mehr aufpassen, dass sie nicht aufläuft, einen Weg durch das Gewühl bahnen.

Aber auch ein Helfer
muß mal pinkeln. Notstop im Gebüsch, an einer übersichtlichen Stelle. Und schon geht’s wieder los: "Wo hast du deine Frau gelassen?“"die ist mir einfach davongelaufen“. Doch schnell habe ich meine Eisenlady wieder. Und ihr anfangs konzentrierter, angespannter und doch hübscher Gesichtsausdruck wird von Runde zu Runde entspannter, ihr Vorsprung immer größer. Die Zwischenzeiten deuten auf einen möglichen neuen Weltrekord. Die Atmosphäre ist elektrisierend, die eisengeschwängerte Luft knistert. Der Helikopter knattert über dem ganzen Geschehen. Für mich Entspannung, denn wenn die Kamera aus der Luft filmt, bin ich das Motorrad los.

Und plötzlich kommt der Zielkanal – ein tobendes Inferno, das Walhalla der Eisenfrauen und Eisenmänner. Der Radfahrer schert aus, wirft einen letzten Blick auf seine Traumfrau und endlich, nach 42 Kilometern, darf die erste Frau auch 1. Frau sein......

Stefan Schlett