Ein Porträt unseres Ultrasportlers
Stefan Schlett
von der Journalistin Caroline
Doka aus Basel für die aktuelle Doppelausgabe des schweizerischen
Multisportmagazins Fit
for Life, das wir mit freundlicher Genehmigung übernehmen
durften. Dafür herzlichen Dank.
Über
Ultraläufer Stefan
Schlett ist viel geschrieben worden. Schöne Portraits,
die wunderbar mit dem Mysterium spielen, das einen umgibt, der unfassbare
Dinge tut. Sätze wie: „Er ist
ein Wanderer zwischen den Welten, ein Extremsportler und Abenteurer
unserer Zeit, ohne sich mit ihr zu verbrüdern.“
Oder: „Ein freundlicher und aufgeschlossener
Mensch, der seine Leser vom Kopfschütteln bis zur Anerkennung
durch seine Abenteuergeschichten begleitet.“
Portraits, die das Heldenhafte, das Extreme bewundern und dem Charme,
dem Zauber, den blauen Augen verfallen, die so viel Lebensfreude
versprühen.
Für Leser einer Laufzeitschrift,
für Leser von Stefan Schletts Artikeln in Fit for Life ist,
was er tut, nicht ganz so unverständlich. Ein wenig kann man
das Feuer nachvollziehen, die Sucht immer mehr und immer weiter
zu laufen, immer auf der Suche nach den eigenen Grenzen. Auch unsere
Augen sprühen, wenn es ums Laufen geht. Eine Portion Anerkennung
ist dabei, weil man weiss, was es bedeutet, wenn beim Laufen die
Schmerzen kommen. Vielleicht auch ein wenig Neid, dass einer es
sich einfach heraus nimmt, nur für den Sport zu leben. Wir
verstehen, dass für ihn seine Ultradistanzen „normal“
sein können. Wir erstarren nicht aus Ehrfurcht zu diesem Ultraschlett,
sondern schauen voller Neugierde auf einen Läufer, der einfach
ein wenig mehr macht als wir, ein wenig extremer aber doch so herrlich
normal, liebenswert und lebensfroh.
Seine
Geschichte bis zum point of no return ist schnell erzählt.
Aufgewachsen in einem Nest in Unterfranken (D), unter einem Dach
mit drei Generationen, Grossmutter und Tante ziehen ihn auf, verworrene
Familienverhältnisse, im Laufe der Jahre wird er neun Geschwister
aus fünf verschiedenen Ehen seiner Eltern haben. Der Vater
führt einen Tante Emma-Laden, den Stefan später übernehmen
soll. Er schleppt schon als 8-jähriger Unmengen von Waren aus
dem Keller in den Lebensmittelladen, verteilt im Ort hunderte von
Handzetteln, nimmt das Mittun als selbstverständlich, erledigt
es zuverlässig und schnell. Er funktioniert als Teil eines
Gefüges und tut es gern. Sportlich ist das sein Grundlagentraining,
aber er ist noch kein Ultra, sondern ein guter Turner und Sprinter.
Die Sucht zu laufen bricht erst später durch. Mit 15, als er
mit der Familie in die Berge fährt, zieht es ihn magisch auf
die Gipfel. Die Grenzen, spürt er, sind für ihn weiter
gesteckt als für die anderen. Da ist es, das Feuer. Von da
an muss er laufen.
Er fällt dem Lehrer auf wegen seines Talents,
läuft mit 19 noch vor dem ersten Marathon seinen ersten Hunderter.
Meldet sich zur Bundeswehr, es müssen die Fallschirmjäger
sein, um jeden Preis. Fünf Jahre tut er Dienst. Wie früher
im Laden erledigt er selbstverständlich und gerne seine Pflicht.
Danach lässt er sich fallen durch die Maschen des sozialen
Netzes ins Nichts oder hinein ins reine Leben - ohne Sicherheitsseil
und doppelten Boden. Stefan Schlett wird freiberuflicher Abenteurer,
mit Freude und allen Konsequenzen.
Er
will weder Karriere noch Haus noch Familie, nicht einmal eine Frau,
es sei denn, sie ist auf derselben Wellenlänge.
„Der ganze Beziehungsmist, den ich bei Freunden und Verwandten
sehe, bestätigt mir, dass ich den richtigen Weg gehe, kein
normales Leben führe und mich nicht von gesellschaftlichen
Vorgaben leiten lasse“, sagt Schlett. Dies sei aber
nicht der Auslöser für die Wahl seines Lebenswegs gewesen.
Der Grund war ein anderer: „Meine Lebensaufgabe“,
sagt er, „ist das Laufen“.
Und so ist in einem viertel Jahrhundert einiges zusammen
gekommen: 151 Marathons, 474 Ultraläufe, 1400 Wettkämpfe
in 84 Ländern, 62000 zurückgelegte km zu Fuss, 16200 auf
dem Bike. Alleine 25 Ultras in der Schweiz, die Bergbesteigungen
ausgenommen. Ein größeres Rennen pro Woche, ein Event
im Ausland pro Monat. Neun Monate unterwegs, drei zuhause.
„Ich liebe meine Heimat –
aber nur, wenn ich sie jedes Jahr mindestens sechs Monate lang nicht
sehen muss. Ich brauche sie als Planungs-Hauptquartier und Rückzugs-Refugium.“
Reisen, unterwegs sein sind für Stefan Schlett fast noch wichtiger
als das Laufen. Reisen hat sich als seine grosse Leidenschaft herausgestellt.
Das Unterwegssein, das Nomaden- und Zigeunerleben, das Entdecken
fremder Kulturen, fremder Menschen fasziniert ihn. In der Kombination
aus Abenteuerreisen und Extremsport liegt für ihn der Reiz.
Sport und Bewegung mit Reisen zu verbinden, bedeutet für ihn
höchste Lebensqualität.
Das Laufen ist die Disziplin, in der Stefan Schlett
die meisten Erfolge errungen hat. „Es wurde
mir trotz Fehlstellungen wie O-Beinen, Knick-, Senk- und Spreizfüssen
als außergewöhnliches Talent in die Wiege gelegt“,
sagt er. Dennoch, er ist Multisportler und kann seinen Bewegungsdrang
auch in anderen Sportarten ausleben. Er ist kein Freak, der ohne
Laufen nicht leben kann. Neben dem Ultralangstreckenläufer
ist Stefan Schlett Dauerradfahrer, Extremkletterer, Eisschwimmer
und Fallschirmspringer. Einer, der schon verdammt lange Distanzen
zu Fuss, per MTB und Rennrad, schwimmend, marschierend, im Auto,
Flugzeug, Bahn, Buschtaxi, Dromedar, Schiff, Kajak, auf den Inlinern
und am Fallschirm zurück gelegt hat. Was sich jenseits der
bürgerlichen Normalität bewegt, zieht ihn magisch an.
Er hasst es, mit dem Strom zu schwimmen, das zu tun,
was die Gesellschaft vorschreibt. Es gehört Mut, Kraft und
Energie dazu, gegen den Strom zu schwimmen. Der Lohn dafür
sind ein intensiveres Leben und mehr Lebensqualität. Es mache,
sagt er, bescheidener und glücklicher. Und es sei ein riesiger
Spass und eine grosser Herausforderung, etwa auf dem Schiff, durch
den Schlamm oder in einem Flugzeug zu laufen. Oder in einem Eisloch
zu baden.
Eisbaden
gehört seit einem viertel Jahrhundert zu Stefan Schletts Programm.
Überall, wo es kaltes Wasser gibt, springt er rein. Zur Abhärtung,
weil es den Kreislauf anregt und zur riesigen Gaudi der Zuschauer.
Es gehört zu seinem Wohlfühlprogramm wie die Saunagänge.
Und es ist gar nicht so schwer. „Man muss
sich im Klaren sein, dass man es will“, sagt Schlett.
„Wenn man vor dem Eisloch steht und überlegt,
ist es zu spät.“ Also: Loch hacken, Handtuch auf
den Boden, um nicht mit nackten Füssen im Schnee zu stehen,
ausziehen, mit Anlauf einen Hechtsprung ins Loch. Dreimal unter
tauchen. Nicht länger als eine Minute. Raus, abtrocknen, anziehen,
bewegen. „Wunderbar wie der Körper
pulsiert! Halleluja!“
Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, Stefan
Schlett befinde sich auf einem nie endenden Endorphintrip. Oder
ist es einfach Lebensfreude?
Der Ultrafreak springt nicht blind auf alles an, was
jenseits der Normalität liegt. Es gibt durchaus Dinge, die
er niemals tun würde. Motorrad-, Auto- und Downhill-Rennen
zum Beispiel. Und Teamsportarten. „Ich
hasse das Geschreie und die Emotionen bei diesem Sport.“
Ultras sind bisweilen eine einsame Sache. Das ist es, was er liebt.
Den eigenen Herzschlag hören, mit den Gedanken alleine sein
oder mit den anderen Athleten der kleinen Ultrasportlerfamilie.
Träume gibt es noch viele. Fallschirmabsprung
über der Sahara und am Südpol. Weltumsegelung. Flug ins
All. Umrundung der Welt mit einem Ultraleichtflieger. Nacktmarathon.
Marathon auf der Osterinsel. Marathon in einem Flugzeug. Es hört
gar nicht mehr auf.
Stefan
Schlett ist als Abenteurer immer auch Grenzgänger. Da ist immer
ein gewisser Drang, in Grenzbereiche vorzudringen, die den meisten
Menschen verschlossen bleiben, diese Grenzen neu zu definieren.
Da sind diese Lust und dieser Spaß, extreme Herausforderungen
zu bewältigen. Natürlich tut es manchmal auch weh. Beim
1300 Meilen Lauf in New York 1988 etwa hatte er 18 Blasen an den
Füssen. „Schmerzen lassen sich ertragen.
Ein Schmerz ist ein Schmerz, nicht mehr. Man kann sich mit ihm auseinander
setzen. Kann mit ihm sprechen, ihn beschimpfen, ihn sogar irgendwann
lieben.“
Das Problem jener Blasen war, dass die Gefahr einer
Entzündung bestand und man sie desinfizieren musste. Ein zeitaufwändiger
Akt, den Schlett, da er keine wertvolle Rennzeit verlieren wollte,
in die kurzen Schlafpausen verlegte. „Morgens
gegen zwei Uhr fiel der Schlett in den Schlafsack und sogleich in
eine berauschende Ohnmacht“, erzählt er. „Die
Füße ließ ich aus dem Schlafsack hängen. Während
ich so scheintot da lag, operierte der Rennarzt im Licht der Stirnlampe
an meinen Füßen. Um fünf Uhr war ich wieder auf
den Beinen, die Schmerzen waren grauenhaft. Aber nach zwei Runden
waren sie warmgelaufen.“ Aufgeben kommt nicht in Frage.
Und
wenn ein Lauf über Monate geht wie vor zwei Jahren von Lissabon
nach Moskau? „Nach spätestens zwei
Wochen haben sich Körper und Geist an die Strapazen angepasst.“
Bei extremen Distanzen geht es immer um die Grenze des Vorstellbaren.
Und die gibt der Kopf vor, nicht der Körper. Ein Ultramarathon
wird im Kopf gelaufen. Dafür braucht es kein hoch gezüchtetes
Rennpferd, sondern eine robuste Natur, ein Survivaltyp. Stefan Schlett
ist genügsam. Er kommt für Nahrung mit 15 Euro die Woche
aus, gibt kein Geld aus für Riegel oder Gels. „Viele
Sportler kaufen überteuerte Sportausrüstung oder Modeschnickschnack,
kleben sich Pflaster auf die Nase oder rasieren sich die Beine.“
Dafür hat Schlett nichts übrig. Obwohl, das mit den Beinen
hat er selber auch probiert. Beim Trans Amerika-Lauf 1992 rasierte
er sich die Beine, um, wie er sagt, Haarbalgentzündungen bei
den Massagen zu vermeiden. „Eine ziemlich
blutige Angelegenheit, dieser Rasur, weil ich mich dabei zu blöd
anstellte.“ Und damit nicht genug: Er bekam eine Sonnenallergie,
da die Beine ungeschützt der starken Strahlung ausgesetzt waren
und musste ein paar Wochen mit langen Tights durch die Wüste
laufen.
Und wann, bei all den Ultras, trainiert Stefan Hermann
Schlett? „Gar nicht. Ich bestreite ausschliesslich
Wettkämpfe.“ Seine Einsätze, sein Leben sind
Training genug. Er legt mehr Wert auf Quantität als auf Qualität
seines sportlichen Treibens. Trotz dieser Wildwest-Methoden hat
er erstaunliche Leistungen und Bestzeiten erzielt und etliche Rennen
gewonnen. „Ich führe das auf meine
Einstellung zurück. Ich habe die ganze Sache nie bitterernst
gesehen.“ Ultraschlett ist zufrieden, wenn er das Ziel
erreicht. Zeit und Platzierung sind zweitrangig.
Ausserdem
regeneriert er schnell und geht, wie er sagt, nie an seine Grenzen.
„Ich komme nie total erschöpft ins
Ziel.“ Viele Jahre lang hatte er den Spleen, im Ziel
noch 50 Liegestützen zu machen. Um nicht zuletzt sich selbst
zu beweisen, dass er nicht ans Limit gegangen war.
Die vielen tausend Kilometer, die vielen Millionen
Schritte, die viele Zeit während einem Ultra. Wo wandern da
die Gedanken hin? Stefan Schlett denkt an Vergangenes, Gegenwärtiges,
Zukünftiges. Er zählt die Schritte, die Autos, unterhält
das Publikum und flirtet mit Zuschauerinnen. Er checkt den Body
von Kopf bis Fuss, die Signale, die Kleidung, die Nahrungsaufnahme,
konzentriert sich auf dem Verkehr, um nicht über den Haufen
gefahren zu werden oder auf die Markierungen, um sich nicht zu verlaufen,
betreibt Krisenmanagement, um Probleme abzustellen oder zu mindern.
Oder er betet. „Beten gibt Power.“
Grenzerfahrungen bei Ultras sind für Stefan Schlett immer auch
Gotteserfahrungen.
Stefan Schlett ist ein Ultrageniesser, der das Leben
im Rahmen seiner Möglichkeiten in vollen Zügen auskostet
und mit einem besonderen Talent ausgestattet ist. „Ich
hatte in den letzten 25 Jahren das Privileg, das machen zu können,
was ich am besten kann und am liebsten mache. Die letzten 45 Jahre
waren ein Dauerorgasmus, ein irres Leben im Grenzbereich“,
schwärmt er. „In dieser Zeit habe
ich mehr erlebt, gemacht, gesehen und Kalorien verbrannt als 1000
Normalos in ihrem ganzen Leben. Ich habe aus dem Leben das herausgeholt,
was möglich war. Habe die paar Jahrzehnte auf der Welt zu einer
ultralangen Party ausdehnt. Es ist nicht wichtig, dem Leben Jahre,
sondern viel wichtiger, den Jahren Leben zu geben. Halleluja!“
Caroline Doka, Fit for Life |