| Giro d’Eritrea – Blut für
Schweiß
Reportage von Stefan
Schlett
Im
August letzten Jahres strahlte das Schweizer Fernsehen einen Dokumentarfilm
über den Giro d’Eritrea aus.
Das Radrennen wurde in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts
während der italienischen Kolonialherrschaft gegründet.
Damals nahmen ausschließlich weiße Fahrer teil. Nach
über 50-jähriger Pause entschlossen sich die Eriträer,
das Radsport-Erbe der Italiener zu reaktivieren. Das erste Mehretappenrennen
fand im Jahre 2001 statt, 10 Jahre nach dem Ende des Befreiungskrieges
gegen Äthiopien. Die Eritrean National Cyclist
Federation ENCF führt seither jedes Jahr eine Austragung
durch. Jetzt sind es ausschließlich einheimische Sportler,
die in Profi- und Semiprofessionellen Teams organisiert sind, die
daran teilnehmen. Im Ausland ist das Rennen so gut wie unbekannt.
Über eine Million Zuschauer verfolgte eine der drei Ausstrahlungen
von „Abu Shenab Moishnung, Doktor Rotschnauz setzt auf Beny“.
Es
ist die Geschichte von zwei außergewöhnlichen
Schweizer Charakteuren auf ihrer Mission in der Atem beraubenden
Landschaft Ostafrikas. Martin Weber (58) aus Bern, Facharzt für
allgemeine- und Tropenmedizin, hat im Verlaufe seiner Karriere ca.
70 Auslandsmissionen für verschiedene Hilfsorganisationen geleitet.
Seit 30 Jahren ist er in Afrika tätig. Bei mehr als 15 Missionen
- alleine in Eritrea - hat sich dabei eine besonders innige Beziehung
zu diesem Land und seinen Bewohnern entwickelt. Vom schweizerischen
Roten Kreuz hat er den Auftrag, die Blutspendetätigkeit in
Eritrea zu fördern. Dabei kam ihm die Idee, den populärsten
Sportanlass des Landes als Vehikel für humanitäres Engagement
einzusetzen. Dafür konnte er den einarmigen Extrem-Radsportler
Beny Furrer (50) aus dem Wallis gewinnen. Beny Furrer soll die 1100
Kilometer des Giro d’Eritrea als
Blutspende-Botschafter fahren. Sein Auftritt inmitten von hundert
jungen einheimischen Rennfahrern soll zeigen, dass das Spenden von
Blut die Leistungsfähigkeit eines Mannes nicht beeinträchtigt.
Sogar, wenn dieser Mann nur einen Arm hat und bereits fünfzig
ist. Das alte Vorurteil, dass Menschen, die Blut spenden, ihre Kraft
und Potenz verlieren, ist in Afrika tief verwurzelt. Gegen dieses
Image wollte man mit Radfahrer Furrer ankämpfen.
In
Eritrea leben zahlreiche Invalide. Die meisten sind Kriegsversehrte,
ihre Behinderung stammt vom langen Unabhängigkeitskampf. Viele
dieser Kämpfer hat Martin Weber vor vielen Jahren in Notspitälern
und Flüchtlingscamps an der sudanesisch-eriträischen Grenze
verarztet. Seither nennen die Eriträer den Mann mit dem einst
roten buschigen Schnauzbart Abu Shenab Moishnung – der
verrückte Doktor mit dem roten Schnauz. Der Berner Arzt
amtierte während des Rennens als Furrers Coach, Wasserträger
und Hilfsmechaniker. Der Oberwalliser aus Stalden war überhaupt
noch nie in Afrika. Die beiden Schweizer verfehlten ihr Ziel nicht.
Furrer war täglich in den Medien und nach dem achttägigen
Giro d’Eritrea stieg die Zahl der
Blut spendenden Einheimischen um 18%. Beny Furrer, der vor 20 Jahren
seinen linken Arm als Folge eines Motorradunfalls verlor, im Jahre
2003 das RAAM in 11 Tagen und 13 Stunden beendete und bei der Schweizer
Bundespost als Briefträger arbeitet, hatte somit seinen Werbeauftrag
vollumfänglich erfüllt. Abgeschlossen ist damit das ambitiöse
Projekt aber noch nicht. Das Rote Kreuz will weitere Bevölkerungsschichten
über den Giro d’Eritrea ansprechen.
So startete beim siebten Giro vom 9.-18.2.07 ein komplettes Team
von sieben Fahrern für das Rote Kreuz. Weber brachte die Schweizer
Firmen Thömus und Merida als Ausrüstungssponsoren mit.
Kurzfristig konnte er auch noch ein sechsköpfiges Frauenteam
für den Rahmenwettbewerb gewinnen. 70 Teilnehmer in zehn Teams
konnten sich für die diesjährige Tour qualifizieren. Insgesamt
wurden Nakfa 200.000.- (rd. 10.000 Euro) an Preisgeldern für
die jeweils ersten drei Teams und sechs Fahrer ausgeschüttet.
Eritrea erlangte seine Unabhängigkeit
am 24. Mai 1993, nach über 30-jährigem Bürgerkrieg
mit Äthiopien und ist somit der jüngste Staat Afrikas.
Seinen Namen erhielt das Land vom Roten Mee,r das auf lateinisch
Mare Erythraeum heißt. Von 1889
bis 1941 war es eine italienische Kolonie. Im Lande leben neun verschiedene
Ethnien friedlich nebeneinander. Die Hälfte der dreieinhalb
Millionen Einwohner sind Christen, rund 45% Muslime. Der lange Bürgerkrieg
führte dazu, dass heute rund eine Million Eriträer im
Ausland leben. Die Hauptstadt Asmara mit 400.000 Einwohnern liegt
im zentralen Hochland auf 2325 Meter über dem Meer und ist
wohl die schönste und sauberste Hauptstadt Afrikas. Sie ist
geprägt von der italienischen Architektur des frühen 20.
Jahrhunderts. Mit palmengesäumten Boulevards, Alleen und Cafés
erinnert sie an eine italienische Mittelstadt mit arabischen Zügen.
Die ostafrikanische Kaffeekultur ist legendär und Cafés
sind Teil des sozialen Lebens in Asmara. Es gibt sie überall.
Das Zischen von Espressomaschinen, einige davon 30 oder 40 Jahre
alt, ist so typisch für Asmara, wie der Ruf des Muezzin vom
Minarett.
Sicheres
Blut ist eine von sieben Prioritäten der Weltgesundheitsorganisation
WHO. In diesem Rahmen baute die WHO für Eritrea in der Hauptstadt
Asmara eine zentrale Blutbank modernsten Zuschnitts. Nur moderne
Blutspendezentren verhindern, dass AIDS-infiziertes Blut in Umlauf
gerät. Das Schweizerische Rote Kreuz ist seit 1994 in Eritrea
tätig und hilft beim Aufbau eines nationalen Blutspendedienstes.
Es schult das Management und bildet Fachkräfte aus. Daneben
rüstet es mobile Equipen aus, die Blutentnahmen in Schulen
und Spitälern machen und initiiert Werbe- und Informationskampagnen,
um noch mehr regelmäßige Spender(innen) zu gewinnen.
Ich treffe auf Silvia Fröhlicher, die vor sieben Jahren nach
Afrika ausgewandert ist. Sie arbeitet zurzeit im Bluttransfusions-Center
in Asmara und präsentiert mir die aktuellsten Daten. Von 2005
auf 2006 ist die Anzahl der Blutspenden von 4738 auf 5847 gestiegen,
was einer Steigerung von 23% entspricht. Wichtigste Änderung:
2005 spendeten 42% für direkt betroffene Familienmitglieder
und nur 58% waren sozusagen Freiwillige. Die Quote der Freiwilligen
ist dann in 2006 auf 70% gestiegen. Bei den Älteren ist generell
mehr Akzeptanz vorhanden, da sie den Krieg erlebt haben. Auch gibt
es kaum eine Familie in Eritrea, die nicht mindestens ein Opfer
im Krieg zu beklagen hat. Jetzt versucht man die jüngeren Bevölkerungsschichten
zu aktivieren. Mit dem Giro d’Eritrea 2006
ist man diesem Ziel ein Stück näher gekommen, vor allem
bei den Studenten. Die Spenderquote der unter 25-jährigen ist
von 60 auf 64% gestiegen. Jüngstes Projekt ist der „Club
25“. Damit versucht man die Leute zu motivieren, im Verlaufe
ihres Lebens 25-mal Blut zu spenden.
Die erste Etappe der Tour
über 115 km ist eine Sturzfahrt durch
drei Klimazonen von Asmara runter nach
Massawa am Roten Meer, dem wichtigsten
Hafen Eritreas. Vom fruchtbaren Hochland durch Nebel verhangene
Täler und wüstenhafte Einöde spiegelt diese Etappe
die ganze landschaftliche Vielfalt Eritreas wieder. Die historische
Hafenstadt ist eine der ungewöhnlichsten Städte an der
ostafrikanischen Küste. Über die Jahrhunderte wurde die
Stadt von Türken, Ägyptern, Italienern, Briten und Äthiopiern
besetzt. Das führte zu dem typischen Charakter dieser Stadt
am Roten Meer, ein Mix aus all diesen Kulturen und ihrem architektonischen
Stil. Am Ende des Unabhängigkeitskrieges wurde Massawa monatelang
von den Äthiopiern bombardiert, wovon sich die Stadt bis heute
noch nicht ganz erholt hat.
Es
folgt eine Wendepunktstrecke über 130 km auf einer neuen
Asphaltpiste durch die Wüste. Das Kriterium am Sonntag, auf
einem Rundkurs durch die Stadt, wurde geschickt an einem lokalen
Festwochenende platziert und erreichte somit ein Maximum an Aufmerksamkeit
in der Bevölkerung. Am Rande des Rennens konnten durch breit
gestreute Aktivitäten viele neue Blutspender gewonnen werden.
Fernsehspots während der gesamten Tour unterstützten die
Werbekampagne des Roten Kreuzes. Zur Krönung konnten die beiden
Bergwertungen der vierten Etappe die wieder durch die Berge zurück
nach Asmara (2325 m) ging, vom Team Red Cross
gewonnen werden.
Nach einem Ruhetag stand
die längste und landschaftlich zugleich auch schönste
Etappe auf dem Programm. 240km von Asmara
nach Barentu (800m) im Westlichen Tiefland. Das Hochplateau wurde
schon bald von bizarren Felsformationen abgelöst,
die in eine Stein- und Geröllwüste mit riesigen, ausgetrockneten
Flussbetten übergingen. Elegante Baobabs (Affenbrotbäume)
reckten ihre fragilen Äste wie Finger in den Himmel. Verrostete
Panzer und Feldkanonen säumten die einsamen Wüstenstraßen
und zeugten von vergangenen Konflikten. In den Städten und
Dörfern, die durchquert wurden, war alles auf den Beinen. Die
Eriträer sind ein äußerst Sport begeistertes Volk
und wollen – so scheint es - nach Jahrzehnten der äthiopischen
Okkupation und des Bürgerkrieges nun alles wieder nachholen.
Radrennen haben einen hohen Stellenwert und finden nahezu an jedem
Wochenende statt. Aber die Sportler müssen erhebliche Opfer
bringen und ständig improvisieren, denn geeignete Ausrüstung
ist im Land kaum zu bekommen und auf die Rennräder wird eine
hohe Importsteuer erhoben. So musste sich zum Beispiel Santiago,
der Kletterspezialist im Red Cross Team, extra für den Giro
Sattel und Pedale für seine Rennmaschine ausleihen. Dazu kommt
noch, dass der Zustand der wenigen Asphaltstraßen nicht gerade
Material schonend ist.
Verteilt auf zwei Etappen
ging es dann die gleiche Stecke wieder zurück, wobei das Rot
Kreuz Team abermals in den Bergwertungen punkten konnte. Höhepunkt
dazwischen war der Etappenort Keren, der
in eine aride Berglandschaft eingebettet und eines der wichtigsten
landwirtschaftlichen Zentren des Landes ist. Die 1000
Meter hoch gelegene Stadt wurde von den Italienern gegründet
und liegt strategisch günstig am nördlichen Zugang zu
der Hauptstadt Asmara. Hier fand imzweiten . Weltkrieg eine der
wichtigsten Schlachten zwischen Italienern und Briten statt, was
heute noch durch den gepflegten Soldatenfriedhof am Rande der Stadt
bezeugt wird.
Die
zwei letzten Etappen über 160
und 120km fanden in und um Asmara statt.
Sieger der diesjährigen Tour wurde das von der staatlichen
Eritrea Telekom finanzierte Team Eritel, die auch die Favoriten
waren. Moralischer Sieger war das Team Red Cross, mit dem das Schweizerische
Rote Kreuz abermals einen erfolgreichen Werbefeldzug fahren und
breite Bevölkerungsschichten für das Thema Blutspenden
sensibilisieren konnte. Die Organisation sähe gerne einige
ausländische Teams am Start des Giro. Aber das bleibt wohl
ein Wunschtraum. Die Rennfahrer müssen sich die Straße
mit Schafen, Kühen, Kamelen, Eseln und wild umher rasenden
Begleitfahrzeugen teilen. Im Peloton ist das gerade noch erträglich,
aber wer zurück fällt muss sich durch das Verkehrschaos
und die schwarzen Rußwolken des Begleittrosses im Slalom durchkämpfen.
Für europäische Teams wäre das afrikanische Chaos
schon bald frustrierend. Zumal es nur ein geringes Preisgeld gibt.
Dennoch ist diese junge,
dynamische ostafrikanische Land mit seiner gastfreundlichen Bevölkerung
für Ausdauersportler interessant. Da es keinen Massentourismus
gibt, freuen sich die Menschen über jeden Ausländer, den
sie begrüßen dürfen und sind so bereit, ihre Kultur
und ihr Leben mitzuteilen. Es gibt so gut wie keine Kriminalität,
Sauberkeit und Hygiene sind für afrikanische Verhältnisse
akzeptabel. Die italienische Kolonialarchitektur hat ihren eigenen
Charme und die italienische Küche verwöhnt mit Pizza und
Pasta. Das Hochland eignet sich gut für ein Höhentraining,
das Klima ist trocken, kühl in der Nacht und warm am Tag. Dazu
ist das Verkehrsaufkommen gering. Und das wird auch so bleiben,
denn Benzin ist teuer. Es gibt sogar einen Marathon, der alljährlich
am 24. Mai, dem Nationalfeiertag, stattfindet. Eritrea hat einige
Weltklasseläufer hervorgebracht. Zersenay
Tadesse holte bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen über
10.000m die erste Medaille für sein
Land. 2006 war er mit 59:16min (gelaufen
in Rotterdam) dritter der Weltrangliste im Halbmarathon.
Stefan
Schlett
komplette
Bilderserie
Die jüngere Geschichte Eritreas
Im 19. Jahrhundert eroberten die Italiener den Küstenstreifen
namens Land am Meer und gründeten
am 1.1.1890 die Kolonie Eritrea. Sie galt als das Kronjuwel unter
den italienischen Kolonien, zu denen auch Libyen und Somalia zählten.
Mediterranes Klima im Hochland, das wirtschaftliche Potential, die
schnell wachsende Kleinindustrie und die strategische Lage waren
ideal für die imperialistischen Ambitionen Italiens am Horn
von Afrika.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Eritrea von Großbritannien
erobert und war von 1941-1952 ein britisches Protektorat. Am 15.9.1952
wurde es in die Obhut der Vereinten Nationen übergeben, die
unilateral auf eine Föderation mit Äthiopien bestand,
die später erzwungen wurde. Äthiopien allerdings hob die
Autonomie Eritreas Stück für Stück auf und besetzte
1961 das Land. Unabhängigkeitsbewegungen entstanden und der
Konflikt spitzte sich zu. Es folgten 30 Jahre Bürgerkrieg mit
unsäglichen Grausamkeiten durch die äthiopischen Diktatoren
Kaiser Haile Selassie und seinem durch
einen Militärputsch an die Macht gekommenen Nachfolger Mengistu
Haile Mariam. 1991 besiegte die eriträische Volksbefreiungsfront
die äthiopische Armee. Im April 1993 kam es zu einem Referendum,
in dem 99,8% für die Unabhängigkeit Eritreas stimmten,
die dann am 24. Mai proklamiert wurde.
Die Beziehungen zu Äthiopien blieben gespannt.
1998 erklärte Äthiopien Eritrea den Krieg, nachdem es
zu einem Grenzzwischenfall gekommen war. Im Dezember 2000 wurde
der algerische Friedensplan von beiden Seiten angenommen und unterschrieben.
Auch wenn weiterhin Grenzstreitigkeiten und diplomatische Misstöne
die Beziehungen beider Länder stören, ist es seitdem in
der Region ruhig und friedlich geblieben. |