TSG Kleinostheim - Ausdauersport

 

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Das tibialis posterior Syndrom oder Schletts Super Gau

Eine Leidensgeschichte von und mit Stefan Schlett

Kleinostheim, 22.01.2007 Da ich die meiste Zeit des Jahres außerhalb Deutschlands unterwegs bin, ist es bisher kaum aufgefallen, dass der Ultraschlett seit einem halben Jahr als Teilzeit-Invalide durch die Gegend humpelt. Erst beim letzten TSG internen 5000er Crosslauf, Mitte November, wurde eine größere Schar der Vereinsmitglieder Zeuge meines desolaten Zustandes. Es war für mich der erste Wettkampf seit April 2006, außer einem 7km-Marsch bei 50°C durch das Tal des Todes, der Mitte Juli im Rahmen des Supporter-Laufes beim alljährlichen Badwater Race statt fand, einem Ultramarathon über 218 km.

Nun ist es ja so, dass jeder, der den Lauf- bzw. Ausdauersport über längere Zeit ernsthaft betreibt, sich früher oder später mit einer „doofen“ Verletzung herumschlagen muss. Irgendwann schlägt der Teufel, das Schicksal, die Sehne, die Arthrose, der falsche Schuh, der Knick-, Senk-, Spreizfuß oder sonst was, zu. In meinem Fall war es ein Triumvirat aus Schicksal, schlampigem Arzt und eigener Blödheit, die einen der talentiertesten Ausdauersportler der Republik gegroundet hat. Seit es das Internet gibt, finden Millionen von Egomanen ihre Befriedigung darin, dass sie ihre gesamte Lebensgeschichte über die eigene Homepage im world wide web verbreiten. Ich war nie ein Freund dieser publizistischen Anarchie. Und das Bedürfnis, eigene Sorgen, Leiden und Probleme der restlichen Welt mitzuteilen überlasse ich lieber den Pharisäern. Aber die nachfolgende Story ist derart bescheuert, dass ich sie rückblickend selbst kaum glauben kann. Auf den mittlerweile mehrfach geäußerten Wunsch, habe ich sie nun doch einmal für die TSG-Homepage niedergeschrieben. Hier ist sie also, die Geschichte von

Schletts Super GAU

Bei einem Etappenlauf im Westen Chinas im August 2001 verletzte ein Physiotherapeut unbeabsichtigt meinen linken Fuß. Diese Verletzung wurde in der Folge vom heimatlichen Orthopäden, der nur die Symptome, aber nicht die Ursache behandelte, nicht erkannt. Es handelte sich um eine Verletzung des Sehnenretinaculums, was damals mit einem einfachen Schnitt hätte behoben werden können – aber all das erfuhr ich erst drei Jahre später von einer Orthopädin, die ihren Berufsstand etwas gewissenhafter und fachkundiger vertrat. Nach zweimonatiger Behandlungszeit und dem Abklingen der Beschwerden, setzte ich meine Aktivitäten im vollem Umfang fort, da so gut wie keine Einschränkungen mehr vorhanden waren. Von da an lebte ich mit einem leichten Knacken unterhalb des Innenknöchels im linken Fuß. Bei Läufen im Gelände bestand ein vermindertes Stabilitätsgefühl. Großprojekte, wie z. B. der Trans-Europa-Lauf, verliefen beschwerdefrei.

Durch die nicht erkannte Verletzung wurde die Tibialis Posterior Sehne im Verlaufe von zwei Jahren immer mehr geschädigt. Es entwickelte sich eine Tendinitis, das ist eine chronische, aber in meinem Fall nicht schmerzhafte Sehnenentzündung. Am 09.11.03, dieses Datum ist doch bekannt für globale Schäden, endete dann bei Kilometer Vier im Goldbacher Wald mit einem lauten Knall vorläufig meine extremsportliche Laufkarriere mit folgender Diagnose: Längsriss der Tibialis Posterior Sehne am linken Fuß. Daraus entwickelte sich dann, durch Fehleinschätzung des Orthopäden, aber auch durch eigene Dummheit, eine komplette Ruptur, die am 01.04.04 (leider kein Aprilscherz) diagnostiziert wurde. Behandlungsvorschlag an der Uniklinik in Frankfurt: künstlicher Fersenbeinbruch, Transplantation eines Teils einer gesunden Sehne an die Stelle der nicht mehr rekonstruierbaren abgerissenen Sehne (sogen. Sehnenplastik), drei Monate Gips, neun Monate außer Gefecht.

Vor einer derartigen Verstümmelung schreckte ich zunächst zurück und konsultierte mehrere Spezialisten in der ganzen Bundesrepublik. Diese rieten vorerst von einer OP ab, da ich ja schmerzfrei war und der Fuß nach drei Jahrzehnten Ausdauersport noch immer überdurchschnittlich starke Strukturen aufwies. Die vorgeschlagene Methode hielten sie als veraltet und meinten, dass ich damit nie mehr wieder gelaufen wäre. Also schlich ich von da an ohne Tibialis Posterior Sehne im linken Fuß durch das Ausdauer-Universum. Marathon wurde eine bis eineinhalb Stunden langsamer gelaufen, mit erheblichen Schmerzen im letzten Viertel, Ultras so gut wie keine mehr. Trekking und Bergsteigen waren nur noch unter Schwierigkeiten möglich. Der Fuß degenerierte zusehends, ihm fehlte schlicht und einfach eines der wichtigsten Stabilisationselemente. Alles in allem ein nicht zufrieden stellender Zustand. Sicher, ein „normaler“ Mensch hätte damit den Rest seines Lebens verbringen können, denn im Alltag bedeutete dieses Handicap so gut wie keine Einschränkung.

Nicht aber für einen wie mich, für den sportliche Bewegung einen wesentlichen Teil der Lebensqualität darstellt. Letztendlich ist es ja auch mein Beruf. Nachdem mir ein kompetenter Sportmediziner und Chirurg in München einen Lösungsvorschlag unterbreitet hatte, ließ ich mich am 08.05.06 operieren. Eine Arthrodese wurde anstelle der nicht mehr rekonstruierbaren Sehne eingesetzt, um das Fußgelenk wieder zu stabilisieren, betrachtet euch das Operationsfoto (vergrößern). OP und Wundverheilung verliefen komplikationslos und waren zugleich eine interessante Erfahrung. Mit Krücken und alleine auf mich gestellt, musste ich meinen Alltag und Haushalt meistern. Das war eine Läuterung für Körper, Geist und Seele! Ich empfand es als eine Gnade, nach und nach wieder meine volle Mobilität zurück zu erhalten. Wie dankbar wird man doch in einer solchen Zeit gegenüber vermeintlichen Selbstverständlichkeiten. Die Regeneration zog sich in die Länge, denn erst im Oktober konnte ich wieder erste Laufschritte auf einem Laufband im Fitness Center wagen. Bei solchen Operationen rechnet man gewöhnlich mit einem Jahr, bis die volle Leistungsfähigkeit wieder einigermaßen hergestellt ist. Zudem hat sich die Anatomie des Fußes nun verändert. Es entwickelte sich eine extreme Pronation, der große Zeh steht ab und der zweite entwickelt sich zum Krallenzeh. Und das, obwohl ich doch früher die schönsten Ultrafüße Unterfrankens hatte...! Das alles gibt enorme Probleme in der Zukunft, ist aber auch zugleich eine Herausforderung. Denn Laufen ist mein Leben. Und wie heißt es so schön: Bewegung ist Leben, Stillstand ist Tod! 1000 km-Läufe werde ich wohl damit nicht mehr bestreiten können, in Zukunft werden es halt nur noch 995 km..........

Eines möchte ich abschließend noch klar stellen. Die genannten Ereignisse sind nicht die Folge von Verschleiß oder Überbelastung. Ich bin wohl mit einem gewissen Talent für den Extremsport ausgestattet und hatte dazu noch die Gnade, die Mittel und das entsprechende Umfeld, nennen wir es einmal Begabung, zu entfalten und auszuleben. Der gesunde Menschenverstand ist dabei nie auf der Strecke geblieben, will heißen, dass ich das unvernünftige immer vernünftig betrieben habe. Falscher Ehrgeiz war mir immer fremd. In den letzten vierzig Jahren habe ich viele Unfälle und lebensbedrohliche Situationen heil überstanden. Jetzt hat mich ein, in der Anfangsphase auf den ersten Blick, recht harmloses Ereignis vorerst aus der Bahn geworfen. Vielleicht hat das Schicksal nun etwas anderes mit mir vor. Aber das Drehbuch des Lebens schreiben sowieso andere, höhere Mächte.

Mit im Moment ultraminimalen Grüßen

Euer Stefan Schlett