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Ice and More - eine Reportage von Stefan Schlett

Zweiter Internationaler Baikalsee – Eismarathon

Baikal – dieses Wort ruft Assoziationen irgendwo zwischen Nirwana und Eishölle hervor. Die Weite Sibiriens und die Jahrzehnte lange Isolierung während der Sowjetzeit haben einen geheimnisvollen Schleier über diese Landschaft gelegt. Horrorgeschichten von Arbeitslagern, endlose Winter, transsibirische Eisenbahn – genügend Stoff für Legenden, Träume und Alpträume. Erst die eindrucksvollen Dokumentarfilme des ARD-Korrespondenten Klaus Bednarz und die vierteilige ZDF-Erlebnis-Dokumentation „Sternflüstern“ über das dreimonatige Baikalabenteuer zweier deutscher Familien in einem Dorf auf der Insel Ol’chon haben diese Gegend wieder einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Und in der Tat, die mit Abstand meisten ausländischen Besucher des Baikal kommen heute aus Deutschland.

So kam es auch, dass Andreas Kiefer, Chef des deutschen Sibirien Reiseveranstalters „Baikal-Express“ und leidenschaftlicher Langstreckenläufer den Anstoß zu einem Marathonlauf über den zugefrorenen Baikalsee gab. Denn von Dezember bis Mai bedeckt eine durchschnittlich ein Meter dicke Eisschicht den See. Dann kann er sogar mit Lkws befahren werden. Es gibt Straßen über das Eis, die verschiedene Orte am Ufer miteinander verbinden. Zwar ist der Winter mit extrem tiefen Temperaturen und eiskalten Winden, die über den See fegen, nicht gerade läuferfreundlich, aber ab März werden die Temperaturen erträglicher, der Himmel ist klar und es fällt kaum noch Schnee. Außerdem fanden in der Vergangenheit schon Ultraläufe über 90 km auf dem Eis statt. Zur Premiere vor einem Jahr hatte es 15 Starter, Andreas Kiefer und der Journalist Udo Möller waren die einzigen deutschen Teilnehmer. Die Strecke musste aber kurz zuvor wetterbedingt komplett verändert werden. Erst bei der zweiten Austragung gelang erstmals eine komplette Seeüberquerung von Tanhoi am Ostufer bis Listvyanka am Westufer des Baikalsees.

Der Baikal ist ein See der Superlative, aber niemand nennt ihn einen See. Es ist das heilige Meer Sibiriens. Er ist 25 Millionen Jahre alt und damit der älteste See der Erde. Mit 1642 Metern Tiefe liegt er gefolgt vom afrikanischen Tanganjikasee (1435 Meter) auf Platz eins in der Liste der tiefsten Binnengewässer. Aufgrund der Tiefe kommt er auf die unvorstellbare Wassermasse von 23.600 Kubikkilometer, womit der Baikalsee über 20% der Süßwasserreserven der Erde beherbergt. Könnte man ihn ausschütten, wäre der gesamte Erdball 20 cm hoch mit Wasser bedeckt. Ein Jahr lang müssten sämtliche Ströme der Welt fließen, um ihn wieder zu füllen. 50 Jahre lang könnte der See die Weltbevölkerung mit Trinkwasser versorgen. Der Baikal hat über 300 Zuflüsse, aber mit der 1779 km langen Angara, die in den Jenissej mündet, nur einen Abfluss. Die Länge des Baikal beträgt 636 Kilometer, die Breite schwankt zwischen 26 und 79 Kilometern. Mit einer Fläche von 31.500 Quadratkilometern, was in etwa der Größe Belgiens entspricht, belegt er Platz sieben in der Liste der weltgrößten Binnengewässer. Hier leben die einzigen Süßwasserrobben der Erde, aber die Liste endemischer Tier- und Pflanzenarten am Baikal weist noch viele andere Unikate auf und ist wohl weltweit nur mit den Galapagosinseln vergleichbar. So war es eine logische Konsequenz, dass der Baikal im Dezember 1996 zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt wurde.

Mit all diesen Fakten und Einzigartigkeiten im Hinterkopf treten 16 Deutsche und ein Schweizer Läufer die 7000 km lange und durch sieben Zeitzonen verlaufende Reise von Frankfurt über Moskau nach Irkutsk an. Dabei auch zwei sportliche Weltenbummler: Stefan Schlett, erst in der Nacht zuvor von einem Multisportwettbewerb aus Tansania zurückgekehrt und der 68 Jahre junge Marathonsammler Jürgen Kuhlmey, der erst am Tag des Abflugs aus Florida ankam. Gleich nach der Ankunft werden wir vom Flughafen in unser 70 km entferntes Hotel direkt am See transportiert. Dieses liegt in der 1500 Seelen Gemeinde Listvyanka, am Westufer des Baikal. Hier ist zugleich das Ziel des Rennens und da der See an dieser Stelle nur 40 km breit ist, drängt sich die Marathondistanz nahezu auf. Es bleiben eineinhalb Tage für Akklimatisierung, Testlauf auf dem Eis und Besichtigung der Gegend. Heinrich Kaluza und Stefan Schlett nutzen die Gelegenheit zu einem Eisbad im See.

Am Tag des Rennens hat es morgens um fünf Uhr frostige minus 14° Celsius und ein eiskalter Wind fegt über die riesige Eiswüste des Baikal. Gore Tex und Wind Stopper sind somit die Ausrüstung erster Wahl, eine Sonnenbrille aufgrund der starken Reflektion obligatorisch. Dick vermummt treten wir mit Minibussen, Motorschlitten und einem Hoovercraft Luftkissenboot, die später gleichzeitig als Versorgungsfahrzeuge dienen, die zweistündige Fahrt über den See an. Aber zuvor müssen wir noch eine sibirische Zeremonie über uns ergehen lassen und dem Wassergott des Baikalsees mit einem Wodka huldigen. War der Körper durch die Kälte äußerlich schon schockgefrostet, wurden jetzt auch die Innereien durch die Mangel gedreht,

Das Eis ist zwar einen Meter dick, aber die scheinbare Ruhe trügt, denn es arbeitet, es lebt. Schneeverwehungen, Risse, Spalten und Verwerfungen machen die Eisfahrt immer auch zu einem Risiko. Der Baikal ist zudem eine seismografisch aktive Region. Ein leichtes Erdbeben am Tag zuvor hatte einige größere Spalten in Ufernähe zur Folge. Diese stellten ein Hindernis für die Fahrzeuge dar, weshalb der letzte Kilometer bis zum Start vor der winzigen Siedlung Tanhoi zu Fuß bewältigt werden musste. Früher war der Ort Anlaufpunkt für die Transsib-Passagiere, als diese im Winter noch auf Schlitten den Baikal überquerten.

24 Teilnehmer/innen aus Deutschland, Schweiz, Russland und Weißrussland, das sind immerhin 60% mehr als im Vorjahr, nehmen die Herausforderung des Eislaufes an. Es hat Kaiserwetter, stahlblauer Himmel und Fernsicht bis an die andere Uferseite. Das Ziel ist somit immer vor Augen. Nicht die klirrende Kälte ist unser größter Feind, sondern der Wind. Minus 13 Grad Lufttemperatur und acht m/s Windgeschwindigkeit ergeben eine gefühlte Temperatur von zirka minus 25° Celsius. Ein kleiner Fehler kann da schon Erfrierungen zur Folge haben! Blankeis wechselt ständig mit teils tiefen Schneeverwehungen ab, ein gewisser Laufrhythmus kann sich da unmöglich einstellen. Aber die Kräfte zehrende Wühlerei wird belohnt. Diese riesige, einsame, windumtoste Schnee- und Eiswüste dringt tief in die Seele ein. Man fühlt sich eins mit dieser rauen und eigentlich menschenfeindlichen Umgebung. Natürlich immer mit dem Hintergedanken, dass in ein paar Stunden alles vorbei ist und in der Banja, der russischen Sauna, die gefrorenen Glieder wieder aufgetaut werden.

In der Mitte des Sees, wo die Wassertiefe unter dem – im Vergleich dazu hauchdünnen - Eis bis zu 1300 Meter beträgt, wird das Eiscamp „Meridian 105“ (105. Längengrad) passiert, das mehrere Wochen auf dem zugefrorenen See aufgebaut bleibt. Der komplett aus Eis gebaute „Palast“ ist ein bizarrer Anblick in der unendlichen Weite. Zu einem großen Teil laufen wir in den Fahrspuren der Minibusse, zusätzlich ist die Strecke mit kleinen Fähnchen markiert. Immer wieder geht der Blick durch das glasklare Blankeis in unergründliche Tiefen. Risse durchziehen die Oberfläche und gelegentlich sind Luftblasen zu erkennen, die im Eis eingeschlossen sind. Es ist eine ganz besondere Faszination, mehr als 1000 Meter über Grund, auf erstarrtem Wasser zu laufen.

Bei km 40 ist das Westufer des Baikalsees erreicht. Hier ist die letzte Verpflegungsstation und ich erhalte von Alexei Nikiforov, dem Cheforganisator des Rennens, den vorbestellten, köstlichen Baikalwodka für den Endspurt. Die letzten Kilometer geht es in Höhe des Ufers am Hafen von Listvyanka vorbei ins Ziel. Sieger wird der 59-jährige Russe Arkadi Kalichman in 3:43:22 Std. Mit 3:54:35 Std. auf dem zweiten Gesamtplatz erreicht die erste Frau, Elena Tabanakova, das Ziel. Die Deutschen Michael Stein (3:56:13 Std.) und Katrin Fritzsch (4:52:26 Std.) erreichen die zweiten Plätze.

Trotz schwieriger organisatorischer Bedingungen ist die erste Seeüberquerung gelungen. Das rührige Organisationsteam und die typisch russische Gastfreundschaft waren dabei ein besonderes Erlebnis. Ein Abenteuer wird die Teilnahme an diesem Lauf immer sein und man darf kein minutiös durchgeplantes Event erwarten. Am 3. März 2007 soll auf gleicher Strecke der dritte Baikalsee – Eismarathon stattfinden. Ein lokaler Sponsor hat bereits seine Zusage erteilt und der Termin wurde schon veröffentlicht, so dass im nächsten Jahr mit einer deutlich höheren Resonanz zu rechnen ist.

Bleibt zu hoffen, dass die Entscheidung, am Nordufer des Baikalsees vorbei eine Ölpipeline zu bauen, noch einmal überdacht wird. Denn das würde für diese ökologisch sensible und erdbebengefährdete Region eine nicht unerhebliche Gefahr bedeuten.

Stefan Schlett

Kontaktadresse für den 3. Baikalsee – Eismarathon am 03.03.07

Baikal Express
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