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Kilimanjaro Total - eine Reportage von Stefan Schlett

Der 5895 Meter hohe Kilimanjaro, das Dach Afrikas und zugleich der höchste freistehende Berg der Erde, war Schauspiel eines neuen, absolut außergewöhnlichen Multisportwettbewerbs. Beim Kilimanjaro Adventure Challenge – kurz KiliMAN - musste der höchste Berg Afrikas bestiegen, per Mountainbike umrundet und an dessen Fuße ein Marathon gelaufen werden. Ohne Ruhetag war das gesamte Pensum in 10 Tagen zu bewältigen. Die Besteigung wurde nicht als Rennen durchgeführt, da die Gefahren eines zu schnellen Aufstiegs in diesen Höhen zu riskant, ja lebensgefährlich, sein können. Außerdem verbieten die Regeln des tansanischen Nationalparks eine derartige Nutzung der Trails. Das Erreichen des Gipfels im Verlaufe der 7-tägigen Trekkingtour war jedoch Voraussetzung, um in die Gesamtwertung des KiliMan zu kommen. Für die Wertung wurden dann die Zeiten des zweitägigen Mountainbikerennens über insgesamt 248 km und jeweils 2844 Metern im Auf- und Abstieg, sowie des Marathons addiert. Dieser fand im Rahmen des zum vierten mal ausgetragenen Kilimanjaro Marathons in der 800 Meter hoch gelegenen Ortschaft Moshi statt.

Acht Männer, eine Frau und drei Dreier-Teams aus Südafrika, Polen und Deutschland fanden sich für die Premiere ein. Beim Kili-Bike, der auch als Einzelwettbewerb ausgeschrieben war, starteten zusätzlich noch 20 einheimische Athleten, die von tansanischen Firmen, Einzelpersonen und dem Organisationsteam des KiliMAN gesponsort wurden.

Der Kilimanjaro, den die Einheimischen nur Kibo nennen, ist ein erloschener Vulkan mit einem Kraterdurchmesser von 2,5 km. Am 6.10.1889 erreichten Professor Hans Meyer und Ludwig Purtscheller den Hauptgipfel und nannten ihn Kaiser-Wilhelm-Spitze. Da Ostafrika zu diesem Zeitpunkt Deutsche Kolonie war, galt der Kibo als der höchste Berg des Deutschen Reiches. Von 1916 – 1961 fiel das Gebiet als Territorium von Tanganyika unter britische Herrschaft. Im Dezember 1961 wurde Tansania unabhängig und der Gipfel wurde in Uhuru Peak (Freiheits-Gipfel) umbenannt. 1973 erklärte man das Gebiet um den Kilimanjaro zum Nationalpark. Heute kann der Berg über gut ein halbes Dutzend verschiedener Routen von allen Himmelsrichtungen aus bestiegen werden. Die Normalrouten auf den Gipfel sind technisch nicht schwierig, erfordern aber neben einer guten Fitness und sicherem Gehen im hochalpinen Gelände vor allem eine gehörige Portion Respekt vor der extremen Höhe. Denn immerhin ist der Kibo ein fast 6000 Meter hoher Berg, auf dem das gesamte Repertoire der tückischen Höhenkrankheit auftreten kann. Jährlich erliegen Tausende von Touristen – die wenigsten davon Bergsteiger - dem Lockruf des höchsten afrikanischen Berges, der noch immer von einem Hauch geheimnisvoller Exotik und Abenteuer umgeben ist. Und trotz Führer (obligatorisch), Trägern, einem Koch und – je nach Geldbeutel - allem erdenklichen Luxus, erreichen die wenigsten den Gipfel. Die meisten kehren nach Erreichen des Kraterrandes am Gillmans Point (5715 m) um. Die Vermarktung des Kilimanjaros, der mittlerweile zu einer der wichtigsten Devisenquellen Tansanias geworden ist, hat seinen Preis. Die Nationalparkverwaltung zählte im vergangenen Jahr 31.899 Bergwanderer und 993 mal musste das Rettungsteam ausrücken. Die Anzahl der Toten wird nicht veröffentlicht und beläuft sich nach Schätzungen zwischen 10 und 20 im Jahr.

Für den KiliMAN wurde die Machame-Route gewählt. Diese gilt als eine der schönsten, aber zugleich anspruchsvollsten Routen, da sie die gesamte Südflanke des Berges von West nach Ost umrundet. Hinter der kleinen Siedlung Machame startet die Tour in 1800 Metern Höhe. Der gut ausgebaute Pfad windet sich durch undurchdringlichen Dschungel. Riesige Farne und mit Moos bewachsene Urwaldriesen, dazu das ewige Zirpen und die unbekannten Tierlaute des Urwaldes bestimmen die Fauna und Flora bis zum ersten Camp in 3000 m Höhe. Beim Aufstieg zum Shira Plateau (3800 m) geht es noch kurz durch tropischen, Flechten behangenen Urwald, dann wechselt die Landschaft vom Regenwald ins Hochmoor. Hier regnet es laut Statistik an 300 Tagen im Jahr. Heidekrautartige Gewächse, sumpfige Moospolster und die spektakulären Baumsenecien und Riesenlobelien bestimmen hier die Landschaft, in fast 4000 Metern Höhe. Wegen verzögerter Gepäckbeförderung durch die Fluggesellschaft kann ich erst einen Tag später starten und lege die zwei Etappen auf einmal zurück, um zur Truppe der KiliMAN-Aspiranten zu stossen. Aus Erfahrung weiß ich, dass mein Körper in der Lage ist, 2000 Höhenmeter am Tag zu tolerieren. Die folgenden Camps an der Barranco Hut (3900 m) und im Karanga Valley (4200 m) sind nur unwesentlich höher und dienen der Akklimatisation. Durch eine vegetationslose Steinwüste wird das Hochlager Barafu Hut (4600 m) erreicht, von wo aus um Mitternacht der Endanstieg über 1300 Höhenmeter durch endlose Geröllhalden erfolgt.

Noch bei Dunkelheit erreiche ich den Gipfel und versuche mich bei Temperaturen um die –20° Celsius irgendwie warm zu halten, in dem ich über das ausgedehnte Gipfelplateau renne. Die Kälteexzesse werden belohnt durch einen galaktischen Sonnenaufgang auf dem Dach Afrikas. Ich weiß zwar wo ich bin, aber gefühlsmäßig befinde ich mich auf einem anderen Planeten. Der feuerrote Sonnenball, das tiefblaue Firmament, die klare Luft, die beißende Kälte, die für den Kilimanjaro so typischen, surrealistisch anmutenden Stufengletscher, der Blick in den Kraterkessel, auf die umliegenden Vulkane und in die 5000 Meter tiefer gelegene, endlose afrikanische Savanne – das alles scheint nicht von dieser Welt zu sein! Mit Wehmut denke ich an meine beiden vorherigen Besteigungen vor 8 bzw. 17 Jahren zurück. Ja, von diesem Berg geht eine besondere Magie aus! Alle 12 Teilnehmer erreichen den Uhuru Peak – das bedeutet 100% Erfolgsquote. Der Kampf um den KiliMAN ist somit eröffnet!

Keine 48 Stunden später stehen wir in Moshi mit unseren Bikes am Start. Die zweitägige Umrundung des Berges, die entgegen des Uhrzeigersinns erfolgt, mussten wir uns genauso hart erarbeiten, wie die Besteigung desselben. 35 km Straße zum Einrollen sowie die morgendliche Fernsicht auf den Kilimanjaro und seinen „kleinen Bruder“ Mawenzi (5148 Meter hoher, direkter Nachbarberg) ließen uns förmlich über den Asphalt fliegen und täuschten über die kommenden Exzesse hinweg. Gnadenlose Staub- und Wellblechpisten, die Mensch und Maschine marterten, brachten wieder Ernüchterung. Und das auf 112 Kilometern Distanz mit 1773 Metern im Auf- und 606 Metern im Abstieg. Vereinzelt kreuzen wir Siedlungen der Chaggas, einem Volksstamm der am Fuße des Kilimanjaros von Ackerbau, Viehzucht und Plantagenwirtschaft (Bananen und Kaffee) lebt. Ein großer Teil der Träger und Führer am Berg rekrutiert sich aus diesem zähen, kräftigen Volk. Kurz vor Schluss gibt es ein 15 km langes, asphaltiertes Gastspiel in Kenia, da die Piste parallel zur Grenze verläuft. Die umständlichen Passformalitäten konnten von den Organisatoren erledigt werden, so dass es für die Teilnehmer an der Grenze keine Behinderungen gab. Das Ziel an den Snow Cap Cottages, einer 2000 Meter hoch gelegenen Bergoase mit gemütlichen Holz-Chalets oberhalb der tansanischen Grenzstadt Rongai, muss abschließend noch hart erarbeitet werden. Ein 5 km langer, extrem steiler Killeraufstieg auf knöcheltiefer Staubpiste ist für die meisten nur noch schiebend zu bewältigen. Ein Galablick in das Rift Valley, den keniatischen Amboseli-Nationalpark und auf den nach einem nachmittäglichen Gewitter schneebedeckten Kilimanjaro, entschädigen für die Strapazen.

136 km mit 1071 m Auf- und 2239 m Abstieg sind die technischen Daten der 2. Etappe. Wie jeden Morgen ragt der Kilimanjaro majestätisch aus der Savanne in das tiefblaue, wolkenlose Firmament. Die Umrundung dieses geheimnisvollen Berges bietet immer wieder neue Aus- und Einsichten, bis er zur Mittagszeit in regenschweren Wolken verschwindet. Auf dieser Seite des Berges dominieren die hochgewachsenen, stämmigen Massais, deren weit verstreut liegende Siedlungen wir heute durchqueren. Gegenwind, Hitze, Staub und extrem schwierige Pisten zehren an den Kräften. Während wir ausländischen Biker mit den ungewohnten klimatischen Bedingungen zu kämpfen hatten, waren fast alle tansanischen Biker durch ihre schlechten Fahrräder benachteiligt. Die Siegerin im Kili-Bike Sophia Adson fuhr die schwere Strecke sogar mit einem alten Straßenrennrad in der hervorragenden Gesamtzeit von 15:55:49 Stunden. Ihre Freude war riesengroß, als sie während der Abschlussfeier von der Südafrikanerin Julie Stevens, die als einzige Frau den KiliMAN beendete, das als Siegerprämie ausgelobte Univega Mountainbike geschenkt bekam. Hendry Hosea hieß der Sieger des Kili-Bike, der für die insgesamt 248 km und 2844 kulminierten Höhenmeter 11:10:41 Stunden unterwegs war. Die Schwierigkeit der Mountainbike-Strecke zeigte sich auch in der Tatsache, dass es die einzige Disziplin mit Verlusten im KiliMAN-Wettbewerb war. Zwei Einzelteilnehmer und ein Teammitglied mussten das Rennen abbrechen, so dass noch sechs Männer, eine Frau und zwei Teams in der Wertung waren, die dann allerdings auch alle drei Disziplinen beendeten. Es blieb nicht lange Zeit zum Verschnaufen, denn schon am nächsten Morgen um 6:30 Uhr stand der Kilimanjaro Marathon als abschließender Höhepunkt auf dem Programm.

230 Teilnehmer aus 17 Ländern versammelten sich im Stadion von Moshi zum 4. Kilimanjaro Marathon. Dazu kam noch einmal die doppelte Anzahl von Halbmarathonläufern. Das Dutzend Teilnehmer am KiliMAN sah etwas mitgenommen aus, so als hätten sie einen sehr langen Weg bis zum Start des Marathons zurück gelegt..... In der Tat, die Strapazen der vergangenen Tage waren nicht spurlos an den Kilimännern und der Kilifrau vorübergegangen. Aufstieg und Umrundung waren Pflicht, jetzt kam die Kür. 21 km lang ging es flach durch die Außenbezirke und das Zentrum von Moshi. Der Namensgeber des Laufes und sein kleiner Bruder Mawenzi bildeten eine faszinierende Kulisse auf der ersten Hälfte des Rennens. Dann stieg die Strecke 10 km und 300 Höhenmeter in Richtung des Berges sanft nach oben, vorbei an Kaffee- und Bananenplantagen und durch kleine Dörfer. Nach einem Wendepunkt führte die gleiche Strecke zurück bis zum Ziel im Stadion. Aufgrund des Sonntags waren hunderte elegant gekleidete, äußerst attraktive tansanische Frauen auf der Straße, die vor allem uns „exotischen Ausländern“ nicht nur applaudierten, sondern herzergreifend lachten und manchmal sogar tanzten. Das gab noch mal einen ordentlichen Push für die letzten Kilometer des Rennens. Mit Zeiten von 3:54 – 4:40 Stunden erreichten alle noch in der KiliMAN-Wertung verbliebenen Teilnehmer innerhalb von 45 Minuten das Ziel.

Der Südafrikaner Brent Williamson, der in Zimbabwe lebt und im September diesen Jahres die Premiere des Victoria Falls Marathons organisiert, wurde zum ersten KiliMAN gekrönt. Bereits nach der Radstrecke uneinholbar in Führung liegend, untermauerte er seine Dominanz mit dem besten Marathonresultat der Kilimänner und erreichte eine Gesamtzeit von 16:22:01 Stunden. Julie Stevens erhielt den ersten Titel einer Kilifrau in 24:21:05 Stunden.

Die erste Kilimanjaro Adventure Challenge war ein Erfolg. Der Sponsor Dasani Water Tanzania stellte die Mittel für diese gelungene Veranstaltung südlich des Äquators zur Verfügung und natürlich ausreichend Wasser. Das kleine, sehr engagierte und motivierte Organisationsteam von Chagga Tours und Wild Frontiers setzte sich über alle logistischen und bürokratischen Hindernisse erfolgreich hinweg. Ein südafrikanisches Kamerateam begleitete die Teilnehmer auf den, um den und am Kilimanjaro. Diese ausführliche Dokumentation wird den exotischen KiliMAN einem breiteren Publikum näher bringen, so dass für die 2. Ausgabe im Februar 2007 eine erhebliche Teilnehmersteigerung zu erwarten ist.

Stefan Schlett

Fakten

Der KiliMAN wurde von dem deutsch-tansanischen Unternehmen Chagga Tours und dem südafrikanischen Touroperator Wild Frontiers, der auch den Kilimanjaro Marathon organisiert, ausgerichtet. Chagga Tours bietet die Umrundung des Kilimanjaro mit dem Mountainbike auch etwas gemütlicher als 6-tägige geführte Bikesafari, sowie Kilimanjaro Besteigungen monatlich einmal für interessierte Sportler an.

Kontaktadresse

Chagga Tours GbR
Ausbau 5, OT Dolgelin
D-15306 Lindendorf
Tel.: +49-(0)30-26 32 59 02
Email: info@chagga-tours.com
Website: www.chagga-tours.com
www.kilimanjaro-man.com