Wie
das Loch in den Baikalsee kam
Von den winterlichen Unternehmungen des Kleinostheimer Extremsportlers
Stefan Schlett.
Da
stand er nun am Ufer und hatte ein meterdickes Problem. Stefan Schlett,
Extremsportler aus Kleinostheim, war ins winterliche Russland gereist,
um beim »Baikal Ice Marathon« über den achtgrößten
See der Erde zu laufen. Doch da war auch noch diese besondere unter
seinen Leidenschaften, die ihn geradezu zwingt, während der
kalten Monate in jedem zugefrorenen Wasserloch ein Bad zu nehmen.
Wohl dem, der eine Kettensäge hat
Daheim im Mainparksee hatte er sich über den Winter per Axt
eigenhändig ein Loch im Eis freigehalten, in das er sich jeden
zweiten Tag voller Genuss stürzte. Und nun, hier am großen
Baikalsee: kein Loch weit und breit, nur Eis, fast einen Meter dick.
Zu dick für jede Axt.
Für einen hartnäckigen Zeitgenossen wie Schlett gibt
es kein Problem ohne Lösung. Schon gar nicht, wenn er so überaus
zuvorkommende Gastgeber wie die russischen Veranstalter des Eis-Marathons
hat. Diese führten schließlich den traurigen unterfränkischen
Eisbademeister samt seinem Seligenstädter Kumpel Heinrich Kaluza
zu einem Einheimischen, der in einem Haus direkt am See lebt und
sich zur Wasserentnahme und zum Angeln mit seiner Kettensäge
ein Loch im dicken Eis freigehalten hatte. Und so kamen der Kleinostheimer
und sein Seligenstädter Begleiter bei minus 20 Grad doch noch
zu ihrem Vergnügen - und dank einer Leiter auch wieder halbwegs
lebendig aus dem Baikalsee heraus.
Der Rest ist schnell erzählt. Tags darauf wurde der See von
West nach Ost überquert. Schlett war begeistert: "Imposant,
diese riesige weiße Fläche. 640 Kilometer lang, von München
bis Hannover." Der Lauf war beschwerlich, denn ständig
wechselte die Strecke zwischen blankem Eis und Schneeverwehungen,
dazu kam der eisige Wind. Zudem hatte ein Erdbeben vor dem Lauf
tiefe Furchen ins Eis gerissen.
Doch Schlett war gut ausgerüstet: mehrere Lagen Kleidung auf
dem Körper, obendrüber der Kombi vom Fallschirmabsprung
über dem Nordpol, zwei Paar Socken in den Schuhen mit Stahlnoppen,
zwei Paar Handschuhe übereinander, Sturmhaube, Wollmütze,
Sonnenbrille. Allein die Nasenspitze schaute noch heraus, und die
blieb Gott sei Dank vor Erfrierungen verschont. Die Laufzeit von
fünf Stunden und 23 Minuten - völlig unwichtig, nur das
Erlebnis zählte. Und das muss grandios gewesen sein. Schlett:
"Schon die Vorstellung, 1500 Meter über
dem Grund zu laufen, war einmalig!"
Nairobi, Kleinostheim, Irkutsk
Es war übrigens ein Erlebnis, für das er sich hatte sputen
müssen. Denn erst in der Nacht vor dem Flug nach Irkutsk war
Schlett von einem Unternehmen namens "Kilimanjaro
Adventure Challenge" zurückgekehrt. Dabei hatte
er den höchsten Berg Afrikas bestiegen (zum dritten Mal seit
1989), hatte eben diesen Gipfel auf Teil zwei der Aufgabe bei bis
zu 40 Grad Celsius über 248 Kilometer mit dem Mountainbike
umrundet und tags darauf als einer von sieben Teilnehmern auch noch
den "Kilimanjaro Marathon" hinter
sich gebracht, und das in exakt viereinhalb Stunden.
Dann zehn Stunden im Bus nach Nairobi, im Tagesflug nach Frankfurt,
eine Mütze Schlaf daheim in Kleinostheim, Packen für Russland
und ab Richtung Irkutsk. Alles für ein Bad in der Kälte.
Manfred Fendrich (Main-Echo)
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