| Rostock Marathon 31.07.04 - Erlebnisbericht
Hallo Marathon Fans und all diejenigen, welche so
gerne meine Laufberichte lesen,
über eine Woche liegt der Rostock Marathon nun
schon zurück, die Muskeln, Knochen und der Kopf sind soweit
wieder hergestellt und freuen sich bereits auf die nächste
große Herausforderung am kommenden Samstag in Leipzig. Doch
zunächst wünsche ich Euch viel Spaß beim Lesen und
Mitfiebern bei der 2. Rostocker Marathon Nacht:
31.07.04 morgens beim Aufstehen:
Die Beine sind von der gestrigen Radtour über
ca. 70 km schwer, Genick und Rücken leicht verspannt. Auch
die 2 Stunden in der Sonne am Strand haben nicht gerade zur Verbesserung
der Kondition beigetragen. Hinzu kommt, dass ich zurzeit mein Jahreshöchstgewicht
mit mir umhertrage. Na dann, eine 3:20 h wird wohl noch irgendwie
zu schaffen sein.
Der
Startschuss wird um 18 Uhr fallen und bis dahin nutzen wir die Zeit,
um die Unterlagen zu holen und zum Relaxen. Ich lese einige Laufmagazine,
lege diese allerdings bald wieder zur Seite. Wenn ich all dem Glauben
schenken soll, was dort über sportlergerechte Ernährung
und Trainingsmethoden drin steht, müsste ich vor 2 Jahren an
Mangelernährung zu Grunde gegangen sein, geschweige denn in
der Lage, auch nur einen 5 km Lauf unter 30 min lebendig zu überstehen.
Deshalb esse ich erst einmal 2 Käsebrötchen, 2 Wiener,
eine Packung Emmentaler und zum Nachtisch einen Schokoriegel (XXL
– versteht sich). Dann wird eine Runde geschlafen.
16.30 Uhr – meine Eltern treffen ein. Beide
haben sich seit 6 Uhr morgens 750 km durch die Staus auf der Autobahn
gequält, kaum gegessen und getrunken und mein Vater schlüpft
mit gemischten Gefühlen und leeren Depots in die Laufklamotten
und ab geht’s zum Start. Wir laufen uns etwas warm, stellen
fest, dass wir beide keine so rechte Lauflust haben, aber nun gibt
es kein zurück mehr. Langsam werde ich nervös, beobachte
die Konkurrenz. Die Damen sehen allesamt nicht langsam aus. Ein
wenig mulmig ist mir, denn nach den vielen Vorankündigungen
als Vorjahressiegerin will ich natürlich das Beste geben. Mein
Ziel ist, mit einer Zeit von 3:20 h oder drunter möglichst
weit vorne bei den Frauen zu landen.
Kurz vor 18 Uhr – wir gehen an den Start. Der
Bereich ist wie im letzten Jahr sehr eng. Um andere Mitläufer
nicht unnötig durch Fußtritte und Ellenbogengerangel
zu gefährden ?, stellen wir uns direkt in die erste Startreihe.
Es folgen einige Interviews und Durchsagen und dann der Startschuss.
Es geht los! Wir erwischen einen guten Start und liegen ganz vorne
im Feld. Wo sind die schnellen Damen? Ich sehe nur eine vor uns
laufen, aber keine Panik, die gute ist so warm angezogen –
die Hälfte ihrer Kleidung würde ich bei Temperaturen knapp
unter Null tragen. Sie ist also kein Profi und nur eine Frage der
Zeit, bis die am Hitzekoller zugrunde geht. Ich lasse ihr 1 km lang
die Freude, das Frauenfeld anzuführen, dann wechseln wir und
von da an laufe ich mit Begleitung + Zugpferd voran.
Die Organisation hat statt der üblichen km-Schilder,
Kilometer „Girls“ und „Boys“ an die Strecke
gestellt. Diese Damen und Herren tragen T-Shirts mit den noch zu
laufenden km. Wir laufen am ersten km-Girl vorbei – noch 41
km. Ein Blick auf die Uhr: 4:23 min – nicht besonders schnell,
aber im Plan. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht beachtet habe ist,
dass es die Zeit auf 1,2 km ist und wir vieeel zu schnell unterwegs
sind!
Wir laufen auf die andere Seite der Warnow, auf Fußgänger-
und Radwegen. Der Belag wechselt ständig zwischen Beton, Asphalt,
Schotter und stellenweise Crosseinlagen. Ein Gegenwind pfeift. Das
Feld ist bereits weit auseinander gezogen und so lässt es sich
prima laufen. Jede Menge Verpflegungsstände in kleinen Abständen
sorgen für Erfrischungen bei ca. 27°C.
Die erste Streckenhälfte ist eintönig und
führt durch kleine Dörfer und Hinterland, wenig Zuschauer
sorgen für noch weniger Stimmung, doch darauf habe ich mich
eingestellt. An besonders langweiligen Streckenabschnitten lasse
ich den Gedanken einfach freien Lauf und denke unter anderem, wie
herrlich es doch wäre, von Lothar Leder im Ziel die Wagenschlüssel
für meine Siegerprämie, einen SLK 200, schwarz mit einer
weißen Schleife überreicht zu bekommen ?. Ich höre
immer wieder: „Da kommt die erste Frau.“, doch abwarten,
denn im Laufe des Rennens kann noch einiges passieren. Die Strecke
ist sehr gut durch Streckenposten besetzt. Auf jeden Marathonläufer
kommen ungefähr 3 Streckenhelfer und 2 Krankenwagen –
wir sind also bestens versorgt. Nur an einigen fragwürdigen
Stellen, an denen keine Strecke zu erkennen ist, fehlen sie.
So
kam es auch, dass wir im Dreiergespann eine Crosseinlage durch die
hohe Wiese nahmen und einfach dem besten Weg folgen wollten, als
es hinter uns brüllt: „Ey, geradeaus hab ich gesagt!“.
Nach dieser Militäreinlage musste ich innerlich lachen, der
Typ klang genauso, wie Ausbilder Schmitt von Antenne Bayern! Endlich,
es geht auf den Warnowtunnel zu. Die Maut ist im Startgeld inbegriffen
und ab hier stehen auch endlich mehr Zuschauer an der Strecke und
die interessantere Streckenhälfte beginnt.
Nach der Warnowquerung laufen wir im Zickzack über
das IGA Gelände, an dem Stadtteil vorbei, in dem ich früher
gewohnt habe. Ich höre immer wieder: „Super, erste Frau!“
Noch 25 km. Die Knochen schmerzen durch die vielen Kurven und den
wechselnden Belag bereits mehr als im Zieleinlauf nach 100 km in
Biel. Doch die Beine sind wider erwarten locker und ich kann das
hohe Tempo trotz Puls am Anschlag gut halten.
Wir durchlaufen einen weiteren Stadtteil und hier
(ich glaub ich sehe nicht recht) spielt sogar eine Band! Ja, ich
weiß, erste Frau – immer wieder die Zurufe. Dann geht
es wieder raus, auf endlos eintönige Radwege. Ab km 28 stoßen
wir wieder auf eine ewig lange Hauptverkehrsstraße, zur rechten
befindet sich eine Gartenanlage und ich grüße unser ehemaliges
Gartenhäuschen. Den km Boy mit dem Shirt „noch 13 km“
übersehe ich und plötzlich (so schnell kann es gehen)
haben wir nur noch 12 km zurück zu legen.
Die Straße zieht sich und plötzlich habe
ich einige Mitläufer in Nacken, die sich schön in meinem
Windschatten ausruhen. Ne Leute, so nicht. Ich bleibe kurz stehen,
lasse die alle vorbei ziehen und reihe mich hinten wieder ein. So,
nun dürft ihr mal Tempo machen! Wir kreuzen einen weiteren
Stadtteil und dann den Barnstofer Wald (natürlich wieder im
Zickzack).
Mein Knie bringen mich bald um! Doch allen Schmerzen
zum Trotz, halten wir weiterhin unser Tempo und überholen sogar
Staffelläufer – kaum zu fassen. Immer wieder greife ich
zum meinem Glücksbringer, dem Edelweißanstecker, den
ich am Kopftuch trage (ein Ehrenpreis von einem besonderen Menschen
für die erfolgreiche Bewältigung eines Klettersteiges
unter Einsatz aller Kräfte und Überwindung aller Ängste
?). Noch 8 km (immer noch erste Frau ?) – rechts links rechts
oder so irgendwie, laufen wir auf die nächste Hauptverkehrsstraße,
die jedoch nicht für den Verkehr gesperrt war. Mitten im Verkehr
suchen wir nach einer Möglichkeit weiter zu laufen, ohne von
vorbei fahrenden Autos auf den Kühlergrill genommen zu werden.
Ein Helfer ruft: „Lauft auf dem Mittelstreifen!“ –
machen wir doch schon, alles andere hätte im Krankwagen geendet.
Nur noch 6 km und letzte große Steigung ist in Sicht. Wir
laufen die Doberaner Straße hinauf und trotz aller Anstrengung
denke ich zum ersten Mal bei einem Marathon überhaupt: „Schade,
nur noch 6 km.“ Ich wäre gerne noch 16 oder 26 km gelaufen.
Eine Frau springt mit einer Kamera auf die Straße und knipst
uns. Erst im Vorbeilaufen erkenne ich meine Mutter: „Hallo
Mama, schön, dass Du da bist. Bis gleich im Ziel!“ Die
Steigung ist geschafft, nur noch an der Innenstadt vorbei und dann
am „Neuen Markt“ Richtung Stadthafen abbiegen. Noch
2 km. Hier überholt uns der 1. Halbmarathonläufer.
Wir geben noch mal richtig Gas. Der Kilometerboy mit
„Nur noch 1 km“ war wohl gerade mal was essen, auf jeden
Fall haben wir ihn nicht gesehen, laufen um ein Gebäude herum
und biegen auf die Zielgerade ein. Ein Blick auf die Uhr: ?????
Kann das war sein? Neue persönliche Bestzeit??? Jaaaaa, und
das kann 100 m vorm Ziel auch jeder wissen. Jubelnd und hüpfend
nehme ich die letzten Meter und rufe immer wieder: „Beeestzeiiit“,
„Yeah“, Bestzeeeiiiiiiit“, „Juchuuuuuhh“
– mit 3:12:59 (über 1 min unter der Zeit vom Würzburgmarathon)
laufe ich ins Ziel und wie im folgenden Zeitungsbericht beschrieben
in Schleifen einfach weiter ?. Das kann doch nicht wahr sein! Dass
auf so einer verrückten Strecke eine zeitliche Verbesserung
drin ist?! Nun erst mal ein kühles Erdinger und den Sprecher,
der mich ausruft, um ein Interview zu bekommen, einfach ignorieren.
Es ist derselbe wie im vergangenen Jahr und mit dem habe ich schlechte
Erfahrungen ?. Auf dem Weg zum Gepäckzelt fängt mich ein
lokaler Radiosender ab und wer freundlich fragt, bekommt auch ein
paar Sätze aufs Band. So und nun schnell unter die Dusche,
hübsch machen für die Siegerehrung. Die Siegerehrung macht
in diesem Jahr auch mehr Spaß als in 2003, es gibt leider
wieder kein Auto ?, dafür einen originellen Pokal aus Glas
in Form eines Würfels mit einer Bohrung, die den Warnowtunnel
darstellt. Dazu diversen Kleinkram und ein überdimensionales
Erdingerglas gefüllt mit 3,5 l Erdinger. Ohne meine Eltern
und Bekannten, hätte ich die Preise gar nicht wegtragen können
und selbst zu sechst hatten wir noch so unsere Mühe, das Bier
zu „vernichten“.
In diesem Sinne: Gewinner geben
nie auf – Aufgeber gewinnen nie!
Beste Grüße
Katja
PS: Von über 300 Läufern erreichten mein
Zugpferd und ich Platz 19 und 20, wie wir später erfahren.
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