TSG Kleinostheim - Ausdauersport

 

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07.07.2005 Mit der eigenen Frau nur noch im Blickkontakt
Wer sein Ziel vor Augen hat, dem ist kein Hindernis zu hoch.- Roland Kuther (Kahl)

Bild: Das Lachen wird ihnen am Sonntag vergehen: Die Triathleten vom Bayerischen Untermain, die sich am Sonntag der Qual des Frankfurter Ironman unterziehen werden. Vorne von links: Volker Hain, Arno Hößbacher, Robert Schüßler, Uwe Diehm, Manuela Schwind, Thomas Lindner, Harald Reuter. Stehend: Andreas Matutt, Roger Uhl, Roland Kuther, Manfred Scherer, Theo Rustige, Ralf Heck, Timo Dörig, Marco Schreck, André Dwehus, Jürgen Schäfer, Karl-Heinz Scheurich, Thomas Hock. Werner Reinhardt, Bernd Schneider und Christian König fehlen auf dem Bild. - Foto: Laszlo Ertl

Silvester Mitte Juli? Was ist das für ein eigenartiger Kalender? Es ist der Kalender der eisernen Männer und Frauen. Sie haben offensichtlich ihre eigene Zeitrechnung. Für sie ist der 10. Juli 2005 der Tag X. Auf diesen Tag haben 23 Athleten vom Untermain seit Monaten ihren Alltag ausgerichtet: auf den Ironman Germany der Triathleten in Frankfurt. »Der längste Tag des Jahres«, wie die Veranstaltung genannt wird, wird es für sie auf jeden Fall. Und am Ende wartet bei Einbruch der Dunkelheit auf dem Frankfurter Römerberg ein Feuerwerk auf die ausgelaugten Eisenmenschen.

Angefangen hatte für jeden von ihnen das Sportjahr 2005 mit der Anmeldung bereits im Herbst 2004. So früh wie noch nie zuvor seit der Premiere der Langdistanz im Jahr 2002 war der Wettkampf im Februar 2005 mit seinen 2000 Startplätzen ausgebucht. Die Frage ist nicht neu, muss aber auch in Boom-Zeiten des Triathlons erlaubt sein: Was treibt einen Ausdauersportler dazu, 226 Kilometer in drei verschiedenen Disziplinen an einem Tag mit eigener Muskelkraft zurückzulegen? 3,8 km Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und dann noch einen Marathon laufen - warum um Himmels Willen tut man sich so etwas freiwillig an?

20 Stunden und mehr in der Woche
Diese Frage haben sich die Eisernen vom Untermain in den vergangenen Monaten schon oft anhören müssen. Dabei ist die Teilnahme in Frankfurt für die meisten das Nonplusultra, für das sie bereit waren und sind, alle denkbaren Entbehrungen auf sich zu nehmen. Wie sonst sollte es funktionieren, dass ein Freizeitsportler »nebenbei« 20 Stunden und mehr in der Woche trainiert.

Ohne die Unterstützung der Familie oder Lebenspartner ist ein solches Vorhaben von vornherein zum Scheitern verurteilt. »Die ganze Sache wurde bereits im August 2004 gründlich mit der Familie abgesprochen. Meinen restlichen Jahresurlaub 2004 habe ich tageweise ab Ende Januar bis Ende Juni aufgebraucht und die Tage unter der Woche für lange Einheiten genutzt«, schildert Thomas Lindner von der TSG Kleinostheim seine Situation. »Durch das hohe Trainingspensum hatte ich an manchen Tagen mit meiner Frau nur noch kurzen Blickkontakt, was sie tapfer überstand. Jetzt jedoch mehren sich die Anzeichen, dass sie nur noch auf die Zeit danach wartet«, berichtet Arno Hößbacher aus Obernau.

Wechselbad der Gefühle
Manni Scherer aus Kleinostheim hat seit Beginn der Trainingsphase akribisch Buch geführt. Statistisch liest sich das so: geschwommen 72 Stunden = 194 Kilometer, Radfahren 227 Stunden = 5530 km, Laufen 138 Stunden = 1531 km. Im Spessart, am Main, im Kahler Campingsee oder Mainparksee in Neoprenanzügen vor Kälte geschützt, haben sie sich über Monate hinweg gequält. Im Morgengrauen vor der Arbeit oder spät abends nach Geschäftsschluss wurde noch mal schnell eine Laufeinheit untergebracht. In den letzten zwei Wochen vor dem Ereignis wurde Regeneration groß geschrieben. Eine Pasta-Party zum Auffüllen der Kohlehydratspeicher haben die Kleinostheimer organisiert. So oder ähnlich werden sie sich die Zeit vertrieben haben bis am Samstag das »Lebensabschnitts-Gefährt«, ihr Rennrad, sorgfältig verladen und in der Wechselzone am Langener Waldsee platziert wird.

Ein Wechselbad der Gefühle muss der Athlet zu guter Letzt durchleben: Vorfreude, Nervosität, Zweifel, Sorge um die äußeren Bedingungen bestimmen die letzten Stunden, bevor er am Sonntag um 7 Uhr zunächst auf die 3,8 Kilometer lange Schwimmstrecke geschickt wird. In zwei Runden à 90 Kilometern wird auf dem Rad Frankfurt eingekreist, dann geht es am Mainufer auf die Laufstrecke. Drei Runden auf der Uferpromenade mit Zieleinlauf auf dem Römerberg ergeben die historische Marathonstrecke von 42,195 Kilometern. Spätestens dann, am Ende des »längsten Tag des Jahres«, vor dem frenetisch jubelnden Publikum sollte der letzte Athlet die Antwort auf Frage gefunden haben: Warum tue ich mir das nur an?

Birgit Reuter

Das eiserne Motto: Ein Tag ohne Training ist ein verlorener Tag
Die Ironman-Teilnehmer vom Bayerischen Untermain:

»Die Atmosphäre genießen«
Uwe Diehm (Startnummer 637; Altersklasse M 40; TSV Rottenberg, am Start für TV Goldbach): Dreifacher Familienvater mit Erfahrungen bei der Langdistanz-EM 2004 in Immenstadt und Jungfraujoch-Marathon 2002. Muss Trainingseinheiten zwischen Beruf und Familie organisieren und hat nur zehn bis 15 Stunden pro Woche Zeit zum Trainieren. Ziel: »Ich möchte auf jeden Fall finishen und, soweit es geht, die Atmosphäre genießen.«

»Es ist wie eine Sucht«
Timo Dörig (Nr. 650; M 25; Niedernberg): Läuft seit 2000 mit Marathon-Bestzeit von 3:25 Stunden. Hat sich ein Jahr auf den Tag X vorbereitet: »Es ist wie eine Sucht.« Hat den Trainingsschwerpunkt auf das Radfahren gelegt. Überstandene Achillessehnenverletzung im März. Hofft, nach zwölf Stunden auf dem Römerberg anzukommen.

»weil ich so gerne esse«
Andre Dwehus (Nr. 676; M 35; Aschaffenburg): Triathlet seit drei Jahren mit mehr oder weniger großem Einsatz. Wollte in der Vorbereitung auf die erste Langdistanz zu schnell zu viel und bekam Probleme mit der Achillessehne. Will dem Sport nicht alles unterordnen: »Alles ist erlaubt. Ich mache den Sport ja nur, weil ich so gerne esse.« Sein Ziel ist klar: ankommen!

Neuer Anlauf
Volker Hain (Nr. 889; M 35; TSG Kleinostheim): Im Vorjahr trennten ihn ganze vier Sekunden von einem Startplatz auf Hawaii (Endzeit 9:53:50 Stunden). Das Ziel für dieses Jahr ist klar: »Ich hoffe darauf, dass die Götter des Tri-Olymp mir gnädig sind.«

»Ein fragwürdiges Privileg«
Ralf Heck (Nr. 926; M 40; TSV Rottenberg): Betreibt Sport seit seiner Kindheit, Laufen und zwölf Jahre Sportklettern. Würde gerne unter elf Stunden ins Ziel kommen. Sein Motto stimmt nachdenklich: »In diesem Umfang Sport treiben zu können, sehe ich manchmal als ein fragwürdiges Privileg, das Menschen in reichen Ländern vorbehalten ist. Allerdings lebe ich es mit Leidenschaft.«

Zeitmangel und Zahnschmerzen
Thomas Hock (Nr. 974; M 30; TV Haibach): Hat nach drei Jahren Langdistanz-Duathlon schwimmen gelernt und ist bisher viermal ins Ziel gekommen. Vorbereitungen mit Hindernissen. Unterbrechungen wegen Zeitmangel und Zahnschmerzen. »Werde schon irgendwie durchkommen. Neue Bestzeit darf ich nicht erwarten. Wäre mit einer Endzeit um die 10:30 Stunden sehr zufrieden.«

Noch bei Tageslicht ins Ziel
Arno Hößbacher
(Nr. 1005; M 50; TV Goldbach): Newcomer mit erstem Kontakt im Mai in Gemünden. Läuft in der Vorbereitung am Main und schwimmt im Niedernberger See. Will in Frankfurt noch bei Tageslicht im Ziel ankommen.

Pommes und Rindswurst
Christian König
(Nr. 974; M 30; TSG Kleinostheim): Lebt nach dem Motto: Nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Triathlon seit 1998. Größtes Erlebnis war der Ironman Wisconsin mit einem Platz unter den ersten 100. Ohne Genuss beim Essen geht kein gescheites Training: Pommes und Rindswurst müssen mal erlaubt sein. Ist in Frankfurt zum dritten Mal am Start und wünscht sich ein faires Rennen. Ärgert sich maßlos über die Hinterrad-Lutscher beim Radfahren.

Kein Hindernis ist zu hoch
Roland Kuther
(Nr. 1212; M 35; Kahl): Hat in vier Jahren Triathlon noch keine Erfahrung auf der Halb- bzw. Volldistanz. Hat der Familie gegenüber ein schlechtes Gewissen sich soviel Zeit für das Training zu nehmen. Will am Sonntag mit seinem 18 Monate alten Sohn auf dem Arm die Ziellinie überqueren. Alles unter 14 Stunden wäre super. Lebensmotto: Wer sein Ziel klar vor Augen hat, dem ist kein Hindernis zu hoch.

Jahresurlaub genutzt
Thomas Lindner
(Nr. 1258; M 35; TSG Kleinostheim): Wechsel vom Laufen zum Triathlon nach häufigen Verletzungen (Marathon-Bestzeit 2:58). Hat Jahresurlaub tageweise für lange Einheiten genutzt, um die Familie zu schonen. Mit 20 bis 25 Stunden pro Woche sehr trainingsfleißig. Hat größten Respekt vor der Schwimmstrecke. Ziel: 11-Stunden Marke unterbieten.

»Das ist es!«
Andreas Matutt
(Nr. 1331; M 45; TV Großostheim): Stand als Allround-Sportler 2002 bei der Premiere in Frankfurt als Zuschauer an der Strecke und spürte: Das ist es! Hat nach 20 Marathons (Bestzeit 1992 2:58) eine neue Herausforderung gesucht. Drei Jahre später ist es soweit. Trainiert intuitiv aus dem Bauch heraus: »Ein erfahrener Athlet kennt seinen Körper besser als ein Computer.« Möchte unter 12 Stunden gesund ankommen, macht die Umsetzung auch vom Wetter abhängig.

Training bei Nacht
Werner Reinhard
(Nr. 1581; M 35; IC Niedernberg): Sein letztes großes Sportereignis war 2002 der Ironman in Frankfurt, danach drei Jahre Pech mit Unfällen und Verletzungen in Serie. Hat sich mit Minimaltraining aufgepäppelt, trainiert teilweise nach 22 Uhr im Dunkeln. Motto: Der Weg ist das eigentliche Ziel. »Einen Millionär fragt man ja auch nicht, wie schnell er an seine Million gekommen ist.«

»Mit einem Grinsen ins Ziel«
Theo Rustige
(Nr. 1648; M 40; TTK Kahl): Beschreibt sich selbst als »Startfeld-Füller« und fühlt sich als Sport-Junkie. Kann auf Grund eines Miniskuseinrisses nur ab und zu schmerzfrei laufen. Will mit einem Grinsen auf den Lippen und erhobenen Hauptes auf dem Römerberg einlaufen. Ziel: Verbesserung der Laufzeit.

»Ich werde mich nicht umbringen«
Thomas Nimbler
(Nr. 1441; M 45; FSV Michelbach): Generalprobe als Staffelschwimmer in Roth erfolgreich absolviert. In der Laufszene des Heimatvereins engagiert. Hat 2004 an der Strecke gestanden und sich zwei Wochen später für 2005 angemeldet. Musste seiner Frau versprechen, dass es der erste und einzige Ironman sein wird. »Ich werde mich nicht umbringen. Wenn ich den Römerberg vor 22 Uhr erreiche, bin ich glücklich.«

Schokolade und Gummibärchen
Harald Reuter
(Nr. 1590; M 40; TSG Kleinostheim): Hat 2000 erste Triathlonluft geschnuppert. Will den uneingeschränkten Spaß der Mitteldistanz auf die Langdistanz erweitern. Vorbereitung und Generalprobe liefen wie am Schnürchen. Verzicht auf Weißbier über mehrere Monate gelungen, dafür der Versuchung von Schokolade und Gummibärchen erlegen. Wunschziel: unter 11:30 Stunden.

»Was kommt dann?«
Jürgen Schäfer
(Nr. 1669; M 35; TV Haibach): Erster Ironman 2004 in Klagenfurt. Hat bei Familienausflügen trainiert (Sohn im Fahrradanhänger und spielend am See). Träumt von einer Zeit unter 11 Stunden. »Es ist wie mit einem Virus, der sich ausbreitet. Es beginnt mit einem 10-km-Volkslauf und geht immer weiter. Was kommt dann?«

Schmerz vergeht, Ruhm besteht
Manni Scherer
(Nr. 1683; M 35; TSG Kleinostheim): Sein Spitzname »Eisenmanni«. Er kann und möchte in relativ kurzer Zeit viel erreichen. Läufer seit dem Jahr 2000 (Marathon-Bestzeit 2:59), Triathlon ernsthaft seit letztem Jahr. Erste Langdistanz. Ziel: »Wenn alles gut geht, unter 11.« Motto: »Schmerz vergeht, Ruhm besteht!«

Das Urgestein
Karl-Heinz Scheuric
h (Nr. 1688; M 45; TV Haibach): Das Triathlon-Urgestein des Bayerischen Untermains sammelt seit 20 Jahren Erfahrung in 150 Wettkämpfen. Bestzeit aus dem Jahr 1997 in Roth: 10:35 Stunden. Will in Frankfurt, ohne sich selbst unter Druck zu setzen, die Statistik um eine weitere Zielankunft ergänzen.

Nächstes Reiseziel: Hawaii
Bernd Schneider
(Nr. 1724; M 40; TSG Kleinostheim): Nach der Teilnahme am Ironman Australien soll das nächste Reiseziel Hawaii sein. Im vorigen Jahr nur knapp an der Quali vorbeigeschrammt (10:11:42 Stunden). Wünscht sich eine 9 vor der Endzeit. Verspricht der Familie: Nach dieser Langdistanz ist erst mal Schluss. »Im nächsten Jahr mach' ich wirklich Pause.«

Der Vorzeige-Triathlet
Marco Schreck
(Nr. 1742; M 30; TV Haibach): Der Vorzeige-Triathlet der Region mit bemerkenswerter Bilanz: fünfmal Hawaii einschließlich Hochzeit in Kona im Vorjahr. Bestzeit: 9:13 Stunden in Roth. Ziel: Verbesserung der bisherigen Bestzeit nach problemloser Vorbereitung mit 20 bis 30 Stunden Training pro Woche. Lebt nach dem Motto: Ein Tag ohne Training ist ein verlorener Tag.

Ohne Weizenbier geht nichts
Robert Schüssler
(Nr. 1764; M45; TV Goldbach): Dritter Start auf der Langdistanz. Lebt nach dem Motto: Ein Triathlet ist immer im Training. 10 bis 15 Stunden pro Woche. Sein bester Durstlöscher danach ist ein gut gekühltes Weizenbier (»Ohne geht nichts!«). Ziel: den Wettkampf genießen.

Sie trainiert mit der Mutter
Manuela Schwind
(Nr. 271; F 30; TV Haibach): Trägt die Frauenflagge der Region. Triathlon auf allen Streckenlängen, Bestzeit in Roth im Jahr 2001 mit 12:10 Stunden. Arbeitet in Teilzeit und trainiert mit Mutter Ulrike. Ziel: »Möchte an meine Zeit von Roth herankommen.«

Hartnäckige Fersenverletzung
Roger Uhl
(Nr. 1951; M 35; TSG Kleinostheim): Hat sich den Traum von Hawaii 2002 schon einmal erfüllt. Kämpft seit langem mit einer Fersenverletzung, die ihm nur sehr eingeschränktes Lauftraining (maximal zweimal wöchentlich) ermöglicht. »Nach dem Ausscheiden auf der Laufstrecke im letzten Jahr ist mir das Ankommen am wichtigsten.«

Birgit Reuter