TSG Kleinostheim - Ausdauersport

 

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Vom Versuch, den Mont Blanc (4808 m) zu erklimmen.

Ein Reisebericht von Jogi Reising

Samstag, 23.06.2007
4:00Uhr: Mein "kleiner" Bruder Alex, Stephan Kallnik (ein Freund aus Kleinostheim) und Jürgen fahren Richtung Süden los. Um 5:30Uhr sammeln mich die drei an der Autobahn in Ettlingen ein und weiter geht’s über Basel und Bern zum Genfer See. In Martigny verlassen wir die Autobahn, um über den Col de la Forclaz und den Col de Balme an unser Ziel zu gelangen. Gegen 10:00Uhr kommen wir in Chamonix (1037m) an. Das Wetter ist super, Sonne, kaum Wolken. Zunächst informieren wir uns im Maison de la Montagne über die neuesten Wetterberichte, kaufen uns etwas zum Vespern und fahren dann zur Talstation der Seilbahn, zur Aiguille de Midi. Dort stärken wir uns mit Baguette, Käse, Wurst und Äpfeln, packen unsere Rucksäcke, ziehen uns um und machen uns dann auf den Weg. Das Ticket für die Seilbahn kostet pro Nase 37€, zum Glück ist nicht viel los, so dass wir um 12:15Uhr in der Gondel nach oben schweben. In einem Affenzahn geht es aufwärts, binnen weniger Minuten sind wir an der Zwischenstation Plan de l’Aiguille auf 2310m, dann geht es weiter und am Ende praktisch senkrecht zur Bergstation auf 3795m. In 20 Minuten haben wir also etwa 2800 Höhenmeter gemacht. Die dünnere Luft macht sich auch gleich bemerkbar, denn auf der Treppe zur Aussichtsplattform kommen wir ganz schön ins Schnaufen. Oben haben wir einen herrlichen Ausblick auf den Mont Blanc und die umliegenden Berge, aber bald zieht es kräftig und es wird merklich kühler, so dass wir nach ein paar Fotos wieder nach unten gehen und über die Brücke in den Stollen gelangen. Ein großer Teil der Station befindet sich nämlich im Inneren des ausgehöhlten Berges. Nach ein bisschen Suchen haben wir dann auch den Stollenausgang gefunden, von wo aus unser heutiger Weg beginnt.

In der Eishöhle vorm Ausgang legen wir unsere Ausrüstung inkl. Steigeisen an und seilen uns an. Es sind zwar noch ein paar Seilschaften unterwegs, aber richtig viel los ist nicht. Dann geht’s nach draußen. Alex vorne weg, unsere zwei Gletscherneulinge Stefan und Jürgen in der Mitte und ich am Ende. Direkt nach einem kleinen Törchen geht es schon ans Eingemachte, es wartet ein schmaler Schneegrat von etwa 50cm Breite, rechts und links geht’s mehrere hundert Meter abwärts. Nach etwa 30 Metern dann links rum und steil nach unten. Hier müssen wir auch schon wegen Gegenverkehr ausweichen. Aber schon ist das Schlimmste auch wieder vorbei und wir stehen auf einem flachen Sattel oberhalb des Vallée Blanche. Nach wenigen Minuten sehen wir rechts oben unser morgiges Ziel, die Refuge des Cosmiques. Wir gehen aber weiter hinunter ins Vallée Blanche immer auf dem Glacier du Géant entlang. Ab und zu passieren wir auf unserem Weg, der uns bis zum tiefsten Punkt auf etwa 3150m führt, kleine Gletscherspalten. Hier ist ein Gletscherbruch zu überwinden, aber die meisten Spalten sind noch geschlossen. Nur einmal ist ein großer Schritt nötig, um sicher weiter zu kommen. Die Spur wird nun immer weicher und kostet uns doch einiges an Kraft. Zudem geht es jetzt wieder bergauf und immer öfter brechen wir knietief ein und kommen so nicht allzu schnell voran. Das frühe Aufstehen, von Null auf 3800 in 20 Minuten und die Sonne, die gnadenlos auf uns niedersticht, machen es uns auch nicht leichter. Allerdings sind kaum Leute unterwegs, noch. Über unseren Köpfen schwebt immer wieder die Montblanc-Panoramabahn hinweg und links von uns erhebt sich der markante Dent de Géant. Dann wird es steiler und wir gewinnen schnell an Höhe. Als es schließlich wieder flacher wird, sehen wir viele Leute, die wohl von der Hütte noch einen Abstecher hierher gemacht haben, weit kann es also nicht mehr sein. Über eine kleine Kuppe (ca. 3410m) hinweg und dann wieder abwärts, sehen wir auch kurz darauf die Turiner Hütte (3371m), die schon in Italien liegt. Gegen 17:30Uhr sind wir endlich dort, haben für die 250 Höhenmeter aufwärts also über zwei Stunden gebraucht. In der Hütte nisten wir uns auch gleich in einem Vierbettzimmer ein.

Wir gönnen uns erst mal ein Bier, das kostet zwar sechs Euro, schmeckt aber trotzdem. Später gehen wir dann zum Rotwein über. Im Trockenraum können wir unsere nassen Schuhe und Klamotten aufhängen, dann geht es um 19:30Uhr zum Abendessen. Eine Riesenschlange erfordert viel Geduld, diese Massenabfertigung erinnert eher an eine Kantine als an eine Berghütte. Wir verkürzen uns die Zeit damit, unsere Klamotten zu trocknen. Nach dem Essen sind wir alle ziemlich kaputt, so dass wir schon um 21:00Uhr im Bett liegen. Doch trotz der Müdigkeit schläft es sich in dieser Höhe nicht ganz so gut. Kein Wunder, denn ich habe kurz vorm Einschlafen einen Puls von 120. Gehzeit: 4:30h, 700hm ab und 260 hoch.

Sonntag, 24.06.2007
4:30Uhr: Wecken, wir haben schließlich doch alle recht gut geschlafen. Wasser zum Waschen und Zähneputzen gibt’s nur ein Stockwerk höher und auch das ist natürlich richtig kalt. Um 5:00Uhr machen wir uns auf zum Frühstück, diesmal haben wir jede Menge Platz und müssen nicht wieder anstehen, denn die meisten sind schon unterwegs. Es gibt ein einfaches Frühstück mit Brot, Marmelade, Tee oder Kaffee und Corn Flakes, das war's. Das Wetter ist auch heute wieder herrlich. Wir haben beschlossen, nachmittags zurückzukommen und mit der Panoramabahn zur Aiguille du Midi zu fahren, anstatt zu laufen. Deshalb packen wir nach dem Frühstück zwei Rucksäcke mit dem Notwendigsten (Essen, Trinken, Helme) und lassen den Rest hier. Hinein in die (bei Alex und mir nur fast) trockenen Schuhe, Steigeisen dran, Seil anlegen und los. Diesmal gehe ich mit Rucksack vorneweg, dann Stephan der zunächst den zweiten trägt und schließlich Jürgen und Alex, der hat noch leichte Probleme vom Rucksacktragen gestern. Heute geht’s zuerst den Weg von gestern etwas zurück, zunächst leicht hinauf (40hm), dann wieder hinunter Richtung Vallée Blanche (ca. 130hm), schließlich links hinauf zum La Tour Ronde, unserem heute angepeilten Gipfelziel. Nach eineinhalb Stunden Aufstieg sind wir am Einstieg auf ca. 3500m (230hm) angelangt. Aber dort, wo der Normalweg sein soll, ist kürzlich eine Lawine aus Stein und Eis runter. Auch poltert es alle paar Minuten und neue Steine kommen angeflogen. In einer steilen Rinne sind etwa vier Bergsteiger unterwegs, die nur sehr langsam vorankommen, offensichtlich müssen sie sichern. Wir entschließen uns, den Spuren von anderen Gruppen zu folgen, die weiter links nur ein kurzes Stück die Flanke hinauf zum Grat gegangen sind. Aufgrund der Steilheit packen wir das Seil weg und gehen seilfrei die Flanke hinauf. Es ist allerdings sehr steil und schon an der ersten Ecke, wo es auch noch ziemlich eisig ist, verliere ich den Halt und rutsche ca. 15 bis 20 Meter die Flanke hinunter, aber zum Glück ist nix passiert, ist ja nur Schnee. Daraufhin beschließen wir, dass wir hier nichts riskieren wollen und Alex und Jürgen rutschen auch herunter, mehr oder weniger freiwillig. Nachdem auch Stephan abgestiegen ist gehen wir ein paar Meter weiter zum Col d’Entrèves (3527m) und beobachten eine Gruppe beim Abseilen über Fels und Eis. Alex und ich schauen noch nach, ob es eine Alternativroute gibt, aber die Spuren, die wir verfolgen führen in recht unwegsames Gelände und wir lassen es endgültig sein.

Wir genießen eine kurze Vesper, Stephan und Jürgen tauschen den Rucksack und dann machen wir uns auf den Rückweg zur Hütte, wo wir gegen 10:15Uhr ankommen. Zwischenzeitlich haben wir festgestellt, dass die Panoramabahn wohl nicht fährt, ich gehe runter zur Station um nachzufragen. Durch einen betonierten Tunnel führt von der Hütte eine ziemlich steile Treppe runter, 222 Stufen für 50hm, das perfekte Trainingsgelände für ambitionierte Treppensteiger und das Ganze auf knapp 3500m Höhe. Doch der Kollege unten weiß nur, dass die Bahn momentan wegen starkem Wind geschlossen ist. Und ob die Franzosen aufmachen, weiß der Italiener nicht. Also wieder hoch, die Rucksäcke zusammenpacken und erst mal in 20 Minuten zum Punta Helbronner auf 3462m hoch, da geht die Panoramabahn los. Aber dort ist alles dicht, die Italiener wissen nix und die Franzosen sind nicht da. Dann doch noch einer, der uns aber nichts sagen kann: „Das entscheiden die auf der anderen Seite...“. Somit bleibt uns nichts anderes übrig, als den Hatscher über den Gletscher wieder zurück zu gehen. Los geht’s, zunächst ohne Seil und Steigeisen, ein bisschen „Abfahren“, dann aber wieder am Seil durch den Gletscherbruch und drüben hoch. Die Sonne gibt jetzt richtig Gas, also ziehen wir die dicken Jacken aus und lassen teilweise sogar Mütze und Handschuhe in der Hosentasche verschwinden, gegen die Sonne tut’s bei mir auch ein Kopftuch. Noch eine kurze Pause am tiefsten Punkt (3150m), bevor es richtig aufwärts geht. Nun geht es immer monoton nach oben, ich vorneweg, dann Jürgen, Stephan und Alex. Schritte zählen erleichtert das Vorwärtskommen nicht wirklich, aber es lenkt wenigstens ab. Nach einer Stunde, auf etwa 3420m, ist dann die Hütte Refuge des Cosmiques zu sehen. Hier oben bläst es wieder ganz schön kräftig und so ziehen wir nach einer kurzen Pause die Jacken wieder an. Nun geht es etwas flacher quer in Richtung Hütte, dann der letzte Anstieg noch mal richtig steil zur Hütte hoch, wo wir gegen 15:00Uhr ankommen (3613m). Wir hatten schon einige Gruppen die Hütte verlassen sehen, doch dass wir nun die einzigen sind, ist schon etwas verwunderlich. Auch der Hüttenwirt will nicht verstehen, dass wir bleiben wollen, alle anderen haben offensichtlich schon die Flucht vor dem angekündigten schlechten Wetter ergriffen. Wir bleiben aber trotzdem, sonst sitzen wir in Chamonix rum und so haben wir wenigstens die Höhengewöhnung. Hier gibt’s noch weniger Wasser als gestern und nur ein kleines Waschbecken für alle. Zum Waschen muss man das Wasser erst mal abfüllen, weil man nicht mal den Kopf unter den Wasserhahn kriegt. Will man warmes Wasser, so kann man das beim Hüttenwirt kaufen... Im Laufe des Nachmittags kommen dann doch noch einige Gäste, so dass nun ca. 20 Leute auf der Hütte sind. Zuerst gibt’s ein paar Bier und ein Panaché (Radler) für Stephan, 3.50 € für 0,25! Also später doch wieder Wein. Das Wetter schlägt um und gegen 17:00Uhr fängt es draußen an, zu stürmen und zu schneien. Um 19:30Uhr gibt’s Abendessen und das ist wirklich super. Suppe, Haupt- und Nachspeise und immer soviel man möchte. Aber wir sind ziemlich kaputt und liegen kurz nach 20:00Uhr in der Falle. Großes Zimmer, unruhige Nacht und wegen der vielen Leute ziemlich schlechte Luft in der Bude. Kein Wunder, dass ich am nächsten morgen etwas Kopfweh habe, aber zwei Aspirin helfen nicht nur wegen der Höhe. Gehzeit: 6:00h, 720hm ab und 970hm auf.

Montag, 25.06.2007
Aufstehen heute um 6:30Uhr. Draußen hat es etwa 10cm Neuschnee. Um 7:00Uhr gibt es Frühstück, heute mit heißer Schokolade und das ist auch um Klassen besser als das Frühstück gestern auf der Turiner Hütte. So nach und nach verlassen alle die Hütte, wir aber bleiben, auch wenn es der Hüttenwirt immer noch nicht versteht. Gegen 9:00Uhr sind alle weg. Draußen bläst es zwar ziemlich heftig, aber es schneit nicht mehr. Wir lesen, dösen und chillen. Um 12:30Uhr zum Mittagessen ist noch eine andere Gruppe da, aber die gehen kurz darauf wieder. Die Bahn geht wohl doch noch, auch wenn es heute Morgen anders hieß. Nach dem Mittagessen ist erst Lesen, dann Knotenkunde und schließlich Kartenspielen „20 ab“ angesagt. Es zieht immer mehr zu, das Wetter wird noch schlechter. Am Nachmittag kommt noch eine 10er Gruppe an, die wohl auch bleiben wird. Zunächst sollen sie alle zu uns aufs Zimmer, aber dann bekommen sie glücklicherweise ein eigenes. So haben wir heute Nacht unsere Ruhe. So langsam haben wir uns auch an die dünne Luft gewöhnt, denn mittlerweile kann ich die Treppe zu unserem Zimmer hoch und wieder runter laufen, ohne ins schnaufen zu kommen. Um 19:30Uhr gibt’s wieder ein super Abendessen, dann um 22:00Uhr geht’s ab in die Betten. Gehzeit: 0:10h, 30hm auf und wieder ab (10 mal Treppe zum Zimmer hoch und runter...)

Dienstag, 26.06.2007
Auch heute wieder um 6:30Uhr aufstehen, Frühstück um 7:00Uhr. Es hat noch etwas geschneit heute Nacht, auch reichen die Wolken bis zur Hütte, man sieht nicht sehr weit. Wir unterhalten uns mit der anderen Gruppe, Schweden und Dänen. Sie wollen heute nach Chamonix runter, um dann am Donnerstag über die Tête-Rousse-Hütte den Gipfel in Angriff zu nehmen. Auch wir überlegen, heute abzusteigen und eine Nacht im Tal zu verbringen. Die Höhengewöhnung stört das nicht mehr und wir, vor allem wohl ich, könnten mal wieder gut durchschlafen. Dann könnten wir morgen auf die Tête-Rousse aufsteigen und am Donnerstag den Gipfel stürmen. Der Hüttenwirt fragt auf der Aiguille du Midi nach und bestätigt uns, dass die Seilbahn heute in Betrieb ist. Somit beschließen wir, unser Lager auf der Refuge des Cosmiques abzubrechen und abzusteigen. Bei einem Gespräch mit dem Führer der anderen Gruppe erfahren wir allerdings, dass die Tête-Rousse-Hütte wohl schon ausgebucht ist, was unseren Plan natürlich durcheinander bringen würde. Die aktuelle Wettervorhersage macht uns auch nicht gerade zuversichtlicher: Heute und am Mittwoch werden Niederschläge und starker Wind angekündigt, vor allem in der Höhe. Nur am Donnerstag könnte es etwas stabiler sein, aber immer noch starker Wind, der auf 4000m Höhe 50km/h erreicht und schließlich soll es ab Freitag wieder schlechter werden. Also, erst mal runter nach Chamonix, dann sehen wir weiter. Die andere Gruppe bricht so gegen 8:45Uhr von der Hütte auf. Wir müssen erst noch bezahlen (145 Euro pro Mann für die zwei Tage) und bereiten uns dann auf den Abstieg vor, der eigentlich ein Aufstieg zur Bergstation ist. Die Temperatur ist im Vergleich zu gestern um zehn Grad auf –8°C gefallen. Außerdem bläst der Wind ganz schön kräftig, so dass wir uns warm anziehen und sogar die Sturmhauben auspacken. Zum Glück gilt hier das Vermummungsverbot nicht.

Kurz nach neun machen wir uns auf den Weg zu unserem kleinen Abenteuer. Dass es ein solches wird, wissen wir da noch nicht. Die Sicht ist schlichtweg bescheiden, aber wir können den Spuren der anderen, die ja erst vor 20 Minuten los sind, durch den Neuschnee gut folgen. Zunächst müssen wir etwa 50hm runter, dann am Felsaufbau der Aiguille du Midi vorbei, um dann von der anderen Seite über den Grat zur Bergstation zu gelangen, die auf knapp 3800m liegt, also etwa 250hm im Aufstieg. Normalerweise ist das Ganze in knapp einer Stunde zu schaffen. Ich marschiere als Spurensucher vorneweg, dann Stephan, Jürgen und Alex. So ziehen wir los, immer der Spur folgend, die die Gruppe vor uns in den Schnee gezogen hat. Auch können wir uns noch gut an den Felsen linker Hand orientieren, in den über uns unser heutiges Ziel reinbetoniert und reingebohrt wurde. Zunächst kommen wir auch gut voran, doch dann wird der Wind stärker und die Sicht immer schlechter, schließlich ist auch die Spur nicht mehr zu erkennen. Der Wind hat sie komplett verweht. Vielleicht ist sie ein paar Meter weiter wieder da, aber um uns herum ist nun alles weiß. Wolken, Eis, Schnee, man kann kaum fünf bis zehn Meter weit sehen. Jetzt heißt es, den Weg zu suchen. Wir kennen zwar den Wegverlauf, aber wie soll man sich richtig orientieren, wenn man nichts sieht. Da wir am Felsaufbau schon vorbei sind, halten wir uns etwas links, um über den Sattel zum Beginn des Grats zu kommen, der zur Station führt. Der Höhenmesser zeigt uns, dass wir uns noch immer unter Hütteniveau befinden und somit auch noch ein ganzes Stück unterhalb des Sattels. Also noch etwas steiler hinauf, auch um Höhe zu gewinnen. Vorher werden die Stöcke ein- und der Eispickel ausgepackt. Er ist im steilen Gelände viel hilfreicher und natürlich auch sicherer. Dann wird die Sicht kurzzeitig etwas besser und wir erkennen etwa zehn Meter über uns eine Gratschneide. Der Versuch, diese direkt zu erklimmen, scheitert allerdings daran, dass ich bis zur Hüfte im Schnee versinke, da ist kein Durchkommen. Plötzlich hören wir Stimmen, irgendwo unter uns, das könnte die andere Gruppe sein. Sehen können wir allerdings niemanden. Also weiter, etwas rechts querend in Richtung des Grates, den wir nach wenigen Minuten dann doch erreichen. Jetzt wieder links halten, den Grat entlang, der auf einer Seite steil abfällt. Wie tief können wir allerdings nicht erkennen. Ab uns zu zweifle ich, ob es die richtige Entscheidung ist, weiter zu gehen, oder ob es nicht besser wäre, die Hütte wieder anzusteuern. Aber auch die müssten wir wieder suchen.

Der Kompass indes zeigt NNW, die Richtung stimmt. Also weiter auf dem Grat entlang, der dann flacher wird und schließlich in eine breite Flanke mündet. Diese gehen wir fast direkt nach oben, so dass wir schnell einiges an Höhe gewinnen. Plötzlich hören wir die Lautsprecherdurchsage der Bergstation, etwas links vor uns, das passt genau, wir sind offenbar richtig. Allerdings versinke ich immer wieder tief im Schnee und muss die Richtung ändern. Dann haben wir mal wieder richtig festes Eis unter den Steigeisen. Schließlich wird das Gelände flacher und wir versuchen uns einigermaßen zu orientieren. Plötzlich sagt Stephan, der zu mir aufgeschlossen hat: „Schau mal da rechts vor uns!“ Und da sind tatsächlich wieder Spuren, die weiter nach oben führen. Alle Zweifel sind nun wie weg, wir sind auf dem richtigen Weg. Noch etwas nach oben und wir erreichen den Sattel, wo der Grat zur Station beginnt. Jetzt ist es nicht mehr weit, das wissen wir, allerdings sind wir auch schon über eineinhalb Stunden unterwegs. Wir folgen weiter den Spuren, die steil nach oben führen. Dann kommt uns auch schon eine Dreierseilschaft entgegen. Es sind wohl doch noch mehr Leute bei dem Sauwetter unterwegs. Nun können wir auch wieder etwa 50m weit sehen und uns besser orientieren. Das steilste Stück liegt allerdings noch vor uns und wieder kommen uns zwei Seilschaften entgegen, die wir passieren lassen. Kaum sind sie vorbei, steigen wir langsam weiter. Da sind schon die nächsten, die nach unten wollen. Wir warten wieder, damit wir uns nicht im Steilstück begegnen. Stephan hat sich mit seinem Eispickel und einer Bandschlinge zum Warten einen Stand gebaut, sicher ist sicher. So, jetzt sind wir wieder dran, es wird richtig steil. Langsam geht’s nach oben, immer wieder mit den Steigeisen einen festen Tritt aus dem Schnee treten und den Eispickel möglichst tief in den Schnee. Ein Blick nach oben, noch etwa 15m steil, aber schon wieder kündigt sich Gegenverkehr an. Wo wollen die bloß alle hin? Ich gebe etwas Gas, um wenigstens das steile Gelände zu verlassen und zu einem Knick zu gelangen, an dem es breit genug ist und uns die entgegenkommenden Seilschaften gefahrlos passieren können. Mindestens zehn Leute können wir erkennen, als wir uns alle vier an unseren Eispickeln, die tief und fest im Schnee sitzen, gesichert haben. Rechts von uns geht’s steil nach unten, wie weit können wir zwar nicht erkennen, wissen es aber noch vom ersten Tag. Wir stehen einen guten halben Meter weg von der Gratschneide links von uns, eigentlich genug Platz, damit alles was von oben kommt, an uns vorbei steigen kann. Aber bei manchen Seilschaften ist nicht nur eine ziemlich veraltete Ausrüstung zu erkennen, sondern auch eine merkliche Unsicherheit der Personen. Mehr als einmal muss ich stützend eingreifen, damit niemand auf mich draufrutscht, das ist wohl momentan die größte Gefahr. Andere wiederum gehen schnell und locker an uns vorbei, bei einem hören wir sogar eine Lawinensonde piepsen. Eben noch meinte Stephan, dort oben, etwa 60m vor uns, könnte das Stollenloch sein, als es auch schon etwas mehr aufreißt und wir direkt am Felsen gegenüber Teile der Station sehen können. Jetzt noch die letzten zwei Seilschaften vorbei lassen und endlich können wir weiter, wir haben freie Bahn. Zunächst noch 30m aufwärts - allerdings weniger steil - und dann die letzten 30 Meter eben über den schmalen Grat. Gerade jetzt heißt es aber mit voller Konzentration, einen Schritt nach dem anderen und den Eispickel richtig und sicher setzen. Denn links und rechts von uns geht es richtig steil mehrere hundert Meter abwärts. Da ist zwar mal ein Blick erlaubt, aber beim Gehen immer den Weg im Auge behalten. Nun geht es doch ganz schnell und schon erreiche ich das kleine Törchen, das den Eingang zum Stollenloch markiert. Ein Blick zurück zeigt mir, dass die anderen drei nur wenige Meter hinter mir sind und ein paar Sekunden später sind wir alle vier auf sicherem Terrain. BERG HEIL, das war noch mal ein Abenteuer, zweieinhalb Stunden haben wir letztendlich gebraucht.

Wir machen noch ein paar Fotos und plötzlich wimmelt es nur so von Tagestouristen. Japaner ohne Ende, die gibt es wirklich überall. Dann gehen die Japaner richtig ab, Stephan und dann auch ich müssen als Fotomodell mit aufs Erinnerungsfoto. Offenbar machen wir uns gut, so vereist und eingemummt wie wir aussehen. Wir sollten uns überlegen, ob da nicht ein kleiner Nebenverdienst für uns rausspringen könnte. Jetzt aber endlich Seil, Steigeisen und alles andere unnötige Zeug weg und nach getaner Arbeit ist heute der Flachmann dran, den Alex schon ein paar Tage mit sich rumschleppt. Wir unterhalten uns noch mit ein paar Leuten, um dann aber endlich in Richtung Seilbahn weiter zu gehen. Bevor wir einsteigen können, müssen wir erst noch mal einige Minuten warten, was wieder ein paar Japaner dazu bewegt, schnell Fotos mit uns zu schießen. Die sind kaum zu bremsen und bedanken sich tausend Mal. Dann endlich rein in die Gondel und ab nach unten, einmal umsteigen und ruckzuck sind wir wieder im Tal. So, jetzt raus aus den dicken Sachen und dann heißt es Zimmer suchen und sehen, ob wir auf der Tête-Rousse noch ein Plätzchen kriegen. Das Maison de la Montagne, wo wir noch mal das Wetter checken wollen, hat Mittagspause, der aktuelle Wetterbericht verheißt nichts Gutes. Übers Tourismusbüro finden wir ein kleines Hotel, das etwas außerhalb liegt, aber auch vom Preis her akzeptabel erscheint. Wir entschließen uns, direkt hinzufahren. Das Vierer-Zimmer ist zwar belegt, aber wir bekommen zwei Doppelzimmer zu etwa dem gleichen Preis. Dann rufen wir auf der Hütte an: „Alles belegt!“. Der Hüttenwirt meint außerdem, dass es wohl recht schwierig wird mit dem Gipfel, da viel Schnee liegen würde. Sieht also schlecht aus. Jetzt wollen wir aber erst mal duschen, noch mal ins Maison de la Montagne und dann entscheiden, was wir machen. Das erste warme Wasser seit Tagen tut richtig gut und man fühlt sich doch gleich wieder anders. Eine Stunde später wieder zurück in Chamonix, erfahren wir nichts Neues. Das Wetter wird nicht viel besser, der Neuschnee dürfte wohl nicht das größte Problem sein, denn immer noch wird starker Wind vorhergesagt und wenn man bedenkt, dass vor allem das letzte Stück über den Grat geht..... Wir ziehen uns ins nächste Café zurück, halten kurz Kriegsrat und sind schließlich einhellig der Meinung, dass wir hier nichts riskieren wollen und somit die Tour abbrechen. Nicht wirklich gutes Wetter, kein Platz auf der Hütte, da hilft die beste Vorbereitung nichts. Und der Berg läuft uns schließlich nicht weg. Wir streifen noch etwas durch die ansässigen Sportläden und staunen immer wieder, was man für Geld alles kaufen kann. Am Ende sind wir froh, dass wir alle unsere Kreditkarten im Zaum halten können und gehen lieber in ein Pub, wo wir unsere dennoch gelungene Tour mit zwei Bierchen begießen. Danach geht’s ins Hotel, wo es nach einem „Blonde du Mont Blanc“ zum Abendessen geht. Raclette mit einem guten Rotwein. Ausgeschlafen und nach einem reichhaltigen Frühstück treten wir am nächsten Morgen gegen neun Uhr die Heimreise nach Kleinostheim an, wo wir um 15:30Uhr ankommen.

Fazit: Auch ohne Gipfel ein tolle Tour mit zwei wunderschönen Tagen, einem erholsamen Tag auf der Hütte und am Ende sogar noch etwas Abenteuer. Alle waren begeistert, Jürgen und Stephan haben als Gletscherneulinge ihre Feuertaufe bestens bestanden und auch Alex und ich haben wieder einiges an Erfahrung sammeln können, sei es bei ungewollten Rutscheinlagen oder beim letztendlich erfolgreichen Orientierungsmarsch. Beim nächsten Mal nehmen wir dann auch wieder unseren diesmal gehandicapten Bergkameraden Stefan mit und hoffen einfach auf besseres Wetter. Und hier geht es zur Bilderserie.

Jogi Reising