Vom Versuch, den Mont Blanc (4808 m) zu
erklimmen.
Ein Reisebericht von Jogi
Reising Samstag,
23.06.2007
4:00Uhr: Mein "kleiner" Bruder Alex, Stephan Kallnik (ein
Freund aus Kleinostheim) und Jürgen
fahren Richtung Süden los. Um 5:30Uhr sammeln mich die drei
an der Autobahn in Ettlingen ein und weiter geht’s über
Basel und Bern zum Genfer See. In Martigny verlassen wir die Autobahn,
um über den Col de la Forclaz und
den Col de Balme an unser Ziel zu gelangen.
Gegen 10:00Uhr kommen wir in Chamonix
(1037m) an. Das Wetter ist super, Sonne, kaum Wolken. Zunächst
informieren wir uns im Maison de la Montagne
über die neuesten Wetterberichte, kaufen uns etwas zum Vespern
und fahren dann zur Talstation der Seilbahn, zur Aiguille
de Midi. Dort stärken wir uns mit Baguette, Käse,
Wurst und Äpfeln, packen unsere Rucksäcke, ziehen uns
um und machen uns dann auf den Weg. Das Ticket für die Seilbahn
kostet pro Nase 37€, zum Glück ist nicht viel los, so
dass wir um 12:15Uhr in der Gondel nach oben schweben. In einem
Affenzahn geht es aufwärts, binnen weniger Minuten sind wir
an der Zwischenstation Plan de l’Aiguille
auf 2310m, dann geht es weiter und am Ende praktisch senkrecht zur
Bergstation auf 3795m. In 20 Minuten haben wir also etwa 2800 Höhenmeter
gemacht. Die dünnere Luft macht sich auch gleich bemerkbar,
denn auf der Treppe zur Aussichtsplattform kommen wir ganz schön
ins Schnaufen. Oben haben wir einen herrlichen Ausblick auf den
Mont Blanc und die umliegenden Berge,
aber bald zieht es kräftig und es wird merklich kühler,
so dass wir nach ein paar Fotos wieder nach unten gehen und über
die Brücke in den Stollen gelangen. Ein großer Teil der
Station befindet sich nämlich im Inneren des ausgehöhlten
Berges. Nach ein bisschen Suchen haben wir dann auch den Stollenausgang
gefunden, von wo aus unser heutiger Weg beginnt.
In der Eishöhle vorm Ausgang legen wir unsere
Ausrüstung inkl. Steigeisen an und seilen uns an. Es sind zwar
noch ein paar Seilschaften unterwegs, aber richtig viel los ist
nicht. Dann geht’s nach draußen. Alex vorne weg, unsere
zwei Gletscherneulinge Stefan und Jürgen in der Mitte und ich
am Ende. Direkt nach einem kleinen Törchen geht es schon ans
Eingemachte, es wartet ein schmaler Schneegrat von etwa 50cm Breite,
rechts und links geht’s mehrere hundert Meter abwärts.
Nach etwa 30 Metern dann links rum und steil nach unten. Hier müssen
wir auch schon wegen Gegenverkehr ausweichen. Aber schon ist das
Schlimmste auch wieder vorbei und wir stehen auf einem flachen Sattel
oberhalb des Vallée Blanche. Nach
wenigen Minuten sehen wir rechts oben unser morgiges Ziel, die
Refuge des Cosmiques. Wir gehen aber weiter
hinunter ins Vallée Blanche immer
auf dem Glacier du Géant entlang.
Ab und zu passieren wir auf unserem Weg, der uns bis zum tiefsten
Punkt auf etwa 3150m führt, kleine Gletscherspalten. Hier ist
ein Gletscherbruch zu überwinden, aber die meisten Spalten
sind noch geschlossen. Nur einmal ist ein großer Schritt nötig,
um sicher weiter zu kommen. Die Spur wird nun immer weicher und
kostet uns doch einiges an Kraft. Zudem geht es jetzt wieder bergauf
und immer öfter brechen wir knietief ein und kommen so nicht
allzu schnell voran. Das frühe Aufstehen, von Null auf 3800
in 20 Minuten und die Sonne, die gnadenlos auf uns niedersticht,
machen es uns auch nicht leichter. Allerdings sind kaum Leute unterwegs,
noch. Über unseren Köpfen schwebt immer wieder die Montblanc-Panoramabahn
hinweg und links von uns erhebt sich der markante Dent
de Géant. Dann wird es steiler und wir gewinnen schnell
an Höhe. Als es schließlich wieder flacher wird, sehen
wir viele Leute, die wohl von der Hütte noch einen Abstecher
hierher gemacht haben, weit kann es also nicht mehr sein. Über
eine kleine Kuppe (ca. 3410m) hinweg und dann wieder abwärts,
sehen wir auch kurz darauf die Turiner Hütte (3371m), die schon
in Italien liegt. Gegen 17:30Uhr sind wir endlich dort, haben für
die 250 Höhenmeter aufwärts also über zwei Stunden
gebraucht. In der Hütte nisten wir uns auch gleich in einem
Vierbettzimmer ein.
Wir gönnen uns erst mal ein Bier, das kostet
zwar sechs Euro, schmeckt aber trotzdem. Später gehen wir dann
zum Rotwein über. Im Trockenraum können wir unsere nassen
Schuhe und Klamotten aufhängen, dann geht es um 19:30Uhr zum
Abendessen. Eine Riesenschlange erfordert viel Geduld, diese Massenabfertigung
erinnert eher an eine Kantine als an eine Berghütte. Wir verkürzen
uns die Zeit damit, unsere Klamotten zu trocknen. Nach dem Essen
sind wir alle ziemlich kaputt, so dass wir schon um 21:00Uhr im
Bett liegen. Doch trotz der Müdigkeit schläft es sich
in dieser Höhe nicht ganz so gut. Kein Wunder, denn ich habe
kurz vorm Einschlafen einen Puls von 120. Gehzeit: 4:30h, 700hm
ab und 260 hoch.
Sonntag,
24.06.2007
4:30Uhr: Wecken, wir haben schließlich doch alle recht gut
geschlafen. Wasser zum Waschen und Zähneputzen gibt’s
nur ein Stockwerk höher und auch das ist natürlich richtig
kalt. Um 5:00Uhr machen wir uns auf zum Frühstück, diesmal
haben wir jede Menge Platz und müssen nicht wieder anstehen,
denn die meisten sind schon unterwegs. Es gibt ein einfaches Frühstück
mit Brot, Marmelade, Tee oder Kaffee und Corn Flakes, das war's.
Das Wetter ist auch heute wieder herrlich. Wir haben beschlossen,
nachmittags zurückzukommen und mit der Panoramabahn zur Aiguille
du Midi zu fahren, anstatt zu laufen. Deshalb packen wir nach dem
Frühstück zwei Rucksäcke mit dem Notwendigsten (Essen,
Trinken, Helme) und lassen den Rest hier. Hinein in die (bei Alex
und mir nur fast) trockenen Schuhe, Steigeisen dran, Seil anlegen
und los. Diesmal gehe ich mit Rucksack vorneweg, dann Stephan der
zunächst den zweiten trägt und schließlich Jürgen
und Alex, der hat noch leichte Probleme vom Rucksacktragen gestern.
Heute geht’s zuerst den Weg von gestern etwas zurück,
zunächst leicht hinauf (40hm), dann wieder hinunter Richtung
Vallée Blanche (ca. 130hm), schließlich
links hinauf zum La Tour Ronde, unserem
heute angepeilten Gipfelziel. Nach eineinhalb Stunden Aufstieg sind
wir am Einstieg auf ca. 3500m (230hm) angelangt. Aber dort, wo der
Normalweg sein soll, ist kürzlich eine Lawine aus Stein und
Eis runter. Auch poltert es alle paar Minuten und neue Steine kommen
angeflogen. In einer steilen Rinne sind etwa vier Bergsteiger unterwegs,
die nur sehr langsam vorankommen, offensichtlich müssen sie
sichern. Wir entschließen uns, den Spuren von anderen Gruppen
zu folgen, die weiter links nur ein kurzes Stück die Flanke
hinauf zum Grat gegangen sind. Aufgrund der Steilheit packen wir
das Seil weg und gehen seilfrei die Flanke hinauf. Es ist allerdings
sehr steil und schon an der ersten Ecke, wo es auch noch ziemlich
eisig ist, verliere ich den Halt und rutsche ca. 15 bis 20 Meter
die Flanke hinunter, aber zum Glück ist nix passiert, ist ja
nur Schnee. Daraufhin beschließen wir, dass wir hier nichts
riskieren wollen und Alex und Jürgen rutschen auch herunter,
mehr oder weniger freiwillig. Nachdem auch Stephan abgestiegen ist
gehen wir ein paar Meter weiter zum Col d’Entrèves
(3527m) und beobachten eine Gruppe beim Abseilen über Fels
und Eis. Alex und ich schauen noch nach, ob es eine Alternativroute
gibt, aber die Spuren, die wir verfolgen führen in recht unwegsames
Gelände und wir lassen es endgültig sein.
Wir
genießen eine kurze Vesper, Stephan und Jürgen tauschen
den Rucksack und dann machen wir uns auf den Rückweg zur Hütte,
wo wir gegen 10:15Uhr ankommen. Zwischenzeitlich haben wir festgestellt,
dass die Panoramabahn wohl nicht fährt, ich gehe runter zur
Station um nachzufragen. Durch einen betonierten Tunnel führt
von der Hütte eine ziemlich steile Treppe runter, 222 Stufen
für 50hm, das perfekte Trainingsgelände für ambitionierte
Treppensteiger und das Ganze auf knapp 3500m Höhe. Doch der
Kollege unten weiß nur, dass die Bahn momentan wegen starkem
Wind geschlossen ist. Und ob die Franzosen aufmachen, weiß
der Italiener nicht. Also wieder hoch, die Rucksäcke zusammenpacken
und erst mal in 20 Minuten zum Punta Helbronner
auf 3462m hoch, da geht die Panoramabahn los. Aber dort ist alles
dicht, die Italiener wissen nix und die Franzosen sind nicht da.
Dann doch noch einer, der uns aber nichts sagen kann: „Das
entscheiden die auf der anderen Seite...“. Somit bleibt uns
nichts anderes übrig, als den Hatscher
über den Gletscher wieder zurück zu gehen. Los geht’s,
zunächst ohne Seil und Steigeisen, ein bisschen „Abfahren“,
dann aber wieder am Seil durch den Gletscherbruch und drüben
hoch. Die Sonne gibt jetzt richtig Gas, also ziehen wir die dicken
Jacken aus und lassen teilweise sogar Mütze und Handschuhe
in der Hosentasche verschwinden, gegen die Sonne tut’s bei
mir auch ein Kopftuch. Noch eine kurze Pause am tiefsten Punkt (3150m),
bevor es richtig aufwärts geht. Nun geht es immer monoton nach
oben, ich vorneweg, dann Jürgen, Stephan und Alex. Schritte
zählen erleichtert das Vorwärtskommen nicht wirklich,
aber es lenkt wenigstens ab. Nach einer Stunde, auf etwa 3420m,
ist dann die Hütte Refuge des Cosmiques
zu sehen. Hier oben bläst es wieder ganz schön kräftig
und so ziehen wir nach einer kurzen Pause die Jacken wieder an.
Nun geht es etwas flacher quer in Richtung Hütte, dann der
letzte Anstieg noch mal richtig steil zur Hütte hoch, wo wir
gegen 15:00Uhr ankommen (3613m). Wir hatten schon einige Gruppen
die Hütte verlassen sehen, doch dass wir nun die einzigen sind,
ist schon etwas verwunderlich. Auch der Hüttenwirt will nicht
verstehen, dass wir bleiben wollen, alle anderen haben offensichtlich
schon die Flucht vor dem angekündigten schlechten Wetter ergriffen.
Wir bleiben aber trotzdem, sonst sitzen wir in Chamonix rum und
so haben wir wenigstens die Höhengewöhnung. Hier gibt’s
noch weniger Wasser als gestern und nur ein kleines Waschbecken
für alle. Zum Waschen muss man das Wasser erst mal abfüllen,
weil man nicht mal den Kopf unter den Wasserhahn kriegt. Will man
warmes Wasser, so kann man das beim Hüttenwirt kaufen... Im
Laufe des Nachmittags kommen dann doch noch einige Gäste, so
dass nun ca. 20 Leute auf der Hütte sind. Zuerst gibt’s
ein paar Bier und ein Panaché (Radler) für Stephan,
3.50 € für 0,25! Also später doch wieder Wein. Das
Wetter schlägt um und gegen 17:00Uhr fängt es draußen
an, zu stürmen und zu schneien. Um 19:30Uhr gibt’s Abendessen
und das ist wirklich super. Suppe, Haupt- und Nachspeise und immer
soviel man möchte. Aber wir sind ziemlich kaputt und liegen
kurz nach 20:00Uhr in der Falle. Großes Zimmer, unruhige Nacht
und wegen der vielen Leute ziemlich schlechte Luft in der Bude.
Kein Wunder, dass ich am nächsten morgen etwas Kopfweh habe,
aber zwei Aspirin helfen nicht nur wegen der Höhe. Gehzeit:
6:00h, 720hm ab und 970hm auf.
Montag,
25.06.2007
Aufstehen heute um 6:30Uhr. Draußen hat es etwa 10cm Neuschnee.
Um 7:00Uhr gibt es Frühstück, heute mit heißer Schokolade
und das ist auch um Klassen besser als das Frühstück gestern
auf der Turiner Hütte. So nach und nach verlassen alle die
Hütte, wir aber bleiben, auch wenn es der Hüttenwirt immer
noch nicht versteht. Gegen 9:00Uhr sind alle weg. Draußen
bläst es zwar ziemlich heftig, aber es schneit nicht mehr.
Wir lesen, dösen und chillen. Um 12:30Uhr zum Mittagessen ist
noch eine andere Gruppe da, aber die gehen kurz darauf wieder. Die
Bahn geht wohl doch noch, auch wenn es heute Morgen anders hieß.
Nach dem Mittagessen ist erst Lesen, dann Knotenkunde und schließlich
Kartenspielen „20 ab“ angesagt. Es zieht immer mehr
zu, das Wetter wird noch schlechter. Am Nachmittag kommt noch eine
10er Gruppe an, die wohl auch bleiben wird. Zunächst sollen
sie alle zu uns aufs Zimmer, aber dann bekommen sie glücklicherweise
ein eigenes. So haben wir heute Nacht unsere Ruhe. So langsam haben
wir uns auch an die dünne Luft gewöhnt, denn mittlerweile
kann ich die Treppe zu unserem Zimmer hoch und wieder runter laufen,
ohne ins schnaufen zu kommen. Um 19:30Uhr gibt’s wieder ein
super Abendessen, dann um 22:00Uhr geht’s ab in die Betten.
Gehzeit: 0:10h, 30hm auf und wieder ab (10 mal Treppe zum Zimmer
hoch und runter...)
Dienstag, 26.06.2007
Auch heute wieder um 6:30Uhr aufstehen, Frühstück um 7:00Uhr.
Es hat noch etwas geschneit heute Nacht, auch reichen die Wolken
bis zur Hütte, man sieht nicht sehr weit. Wir unterhalten uns
mit der anderen Gruppe, Schweden und Dänen. Sie wollen heute
nach Chamonix runter, um dann am Donnerstag
über die Tête-Rousse-Hütte
den Gipfel in Angriff zu nehmen. Auch wir überlegen, heute
abzusteigen und eine Nacht im Tal zu verbringen. Die Höhengewöhnung
stört das nicht mehr und wir, vor allem wohl ich, könnten
mal wieder gut durchschlafen. Dann könnten wir morgen auf die
Tête-Rousse aufsteigen und am Donnerstag den Gipfel stürmen.
Der Hüttenwirt fragt auf der Aiguille du
Midi nach und bestätigt uns, dass die Seilbahn heute
in Betrieb ist. Somit beschließen wir, unser Lager auf der
Refuge des Cosmiques abzubrechen
und abzusteigen. Bei einem Gespräch mit dem Führer der
anderen Gruppe erfahren wir allerdings, dass die Tête-Rousse-Hütte
wohl schon ausgebucht ist, was unseren Plan natürlich durcheinander
bringen würde. Die aktuelle Wettervorhersage macht uns auch
nicht gerade zuversichtlicher: Heute und am Mittwoch werden Niederschläge
und starker Wind angekündigt, vor allem in der Höhe. Nur
am Donnerstag könnte es etwas stabiler sein, aber immer noch
starker Wind, der auf 4000m Höhe 50km/h erreicht und schließlich
soll es ab Freitag wieder schlechter werden. Also, erst mal runter
nach Chamonix, dann sehen wir weiter. Die andere Gruppe bricht so
gegen 8:45Uhr von der Hütte auf. Wir müssen erst noch
bezahlen (145 Euro pro Mann für die zwei Tage) und bereiten
uns dann auf den Abstieg vor, der eigentlich ein Aufstieg zur Bergstation
ist. Die Temperatur ist im Vergleich zu gestern um zehn Grad auf
–8°C gefallen. Außerdem bläst der Wind ganz
schön kräftig, so dass wir uns warm anziehen und sogar
die Sturmhauben auspacken. Zum Glück gilt hier das Vermummungsverbot
nicht.
Kurz nach neun machen wir uns auf den Weg zu unserem
kleinen Abenteuer. Dass es ein solches wird, wissen wir da noch
nicht. Die Sicht ist schlichtweg bescheiden, aber wir können
den Spuren der anderen, die ja erst vor 20 Minuten los sind, durch
den Neuschnee gut folgen. Zunächst müssen wir etwa 50hm
runter, dann am Felsaufbau der Aiguille du Midi
vorbei, um dann von der anderen Seite über den Grat zur Bergstation
zu gelangen, die auf knapp 3800m liegt, also etwa 250hm im Aufstieg.
Normalerweise ist das Ganze in knapp einer Stunde zu schaffen. Ich
marschiere als Spurensucher vorneweg, dann Stephan, Jürgen
und Alex. So ziehen wir los, immer der Spur folgend, die die Gruppe
vor uns in den Schnee gezogen hat. Auch können wir uns noch
gut an den Felsen linker Hand orientieren, in den über uns
unser heutiges Ziel reinbetoniert und reingebohrt wurde. Zunächst
kommen wir auch gut voran, doch dann wird der Wind stärker
und die Sicht immer schlechter, schließlich ist auch die Spur
nicht mehr zu erkennen. Der Wind hat sie komplett verweht. Vielleicht
ist sie ein paar Meter weiter wieder da, aber um
uns herum ist nun alles weiß. Wolken, Eis, Schnee, man kann
kaum fünf bis zehn Meter weit sehen. Jetzt heißt es,
den Weg zu suchen. Wir kennen zwar den Wegverlauf, aber wie soll
man sich richtig orientieren, wenn man nichts sieht. Da wir am Felsaufbau
schon vorbei sind, halten wir uns etwas links, um über den
Sattel zum Beginn des Grats zu kommen, der zur Station führt.
Der Höhenmesser zeigt uns, dass wir uns noch immer unter Hütteniveau
befinden und somit auch noch ein ganzes Stück unterhalb des
Sattels. Also noch etwas steiler hinauf, auch um Höhe zu gewinnen.
Vorher werden die Stöcke ein- und der Eispickel ausgepackt.
Er ist im steilen Gelände viel hilfreicher und natürlich
auch sicherer. Dann wird die Sicht kurzzeitig etwas besser und wir
erkennen etwa zehn Meter über uns eine Gratschneide. Der Versuch,
diese direkt zu erklimmen, scheitert allerdings daran, dass ich
bis zur Hüfte im Schnee versinke, da ist kein Durchkommen.
Plötzlich hören wir Stimmen, irgendwo unter uns, das könnte
die andere Gruppe sein. Sehen können wir allerdings niemanden.
Also weiter, etwas rechts querend in Richtung des Grates, den wir
nach wenigen Minuten dann doch erreichen. Jetzt wieder links halten,
den Grat entlang, der auf einer Seite steil abfällt. Wie tief
können wir allerdings nicht erkennen. Ab uns zu zweifle ich,
ob es die richtige Entscheidung ist, weiter zu gehen, oder ob es
nicht besser wäre, die Hütte wieder anzusteuern. Aber
auch die müssten wir wieder suchen.
Der Kompass indes zeigt NNW, die Richtung stimmt.
Also weiter auf dem Grat entlang, der dann flacher wird und schließlich
in eine breite Flanke mündet. Diese gehen wir fast direkt nach
oben, so dass wir schnell einiges an Höhe gewinnen. Plötzlich
hören wir die Lautsprecherdurchsage der Bergstation, etwas
links vor uns, das passt genau, wir sind offenbar richtig. Allerdings
versinke ich immer wieder tief im Schnee und muss die Richtung ändern.
Dann haben wir mal wieder richtig festes Eis unter den Steigeisen.
Schließlich wird das Gelände flacher und wir versuchen
uns einigermaßen zu orientieren. Plötzlich sagt Stephan,
der zu mir aufgeschlossen hat: „Schau mal da rechts vor uns!“
Und da sind tatsächlich wieder Spuren, die weiter nach oben
führen. Alle Zweifel sind nun wie weg, wir sind auf dem richtigen
Weg. Noch etwas nach oben und wir erreichen den Sattel, wo der Grat
zur Station beginnt. Jetzt ist es nicht mehr weit, das wissen wir,
allerdings sind wir auch schon über eineinhalb Stunden unterwegs.
Wir folgen weiter den Spuren, die steil nach oben führen. Dann
kommt uns auch schon eine Dreierseilschaft entgegen. Es sind wohl
doch noch mehr Leute bei dem Sauwetter unterwegs. Nun können
wir auch wieder etwa 50m weit sehen und uns besser orientieren.
Das steilste Stück liegt allerdings noch vor uns und wieder
kommen uns zwei Seilschaften entgegen, die wir passieren lassen.
Kaum sind sie vorbei, steigen wir langsam weiter. Da
sind schon die nächsten, die nach unten wollen. Wir warten
wieder, damit wir uns nicht im Steilstück begegnen. Stephan
hat sich mit seinem Eispickel und einer Bandschlinge zum Warten
einen Stand gebaut, sicher ist sicher. So, jetzt sind wir wieder
dran, es wird richtig steil. Langsam geht’s nach oben, immer
wieder mit den Steigeisen einen festen Tritt aus dem Schnee treten
und den Eispickel möglichst tief in den Schnee. Ein Blick nach
oben, noch etwa 15m steil, aber schon wieder kündigt sich Gegenverkehr
an. Wo wollen die bloß alle hin? Ich gebe etwas Gas, um wenigstens
das steile Gelände zu verlassen und zu einem Knick zu gelangen,
an dem es breit genug ist und uns die entgegenkommenden Seilschaften
gefahrlos passieren können. Mindestens zehn Leute können
wir erkennen, als wir uns alle vier an unseren Eispickeln, die tief
und fest im Schnee sitzen, gesichert haben. Rechts von uns geht’s
steil nach unten, wie weit können wir zwar nicht erkennen,
wissen es aber noch vom ersten Tag. Wir stehen einen guten halben
Meter weg von der Gratschneide links von uns, eigentlich genug Platz,
damit alles was von oben kommt, an uns vorbei steigen kann. Aber
bei manchen Seilschaften ist nicht nur eine ziemlich veraltete Ausrüstung
zu erkennen, sondern auch eine merkliche Unsicherheit der Personen.
Mehr als einmal muss ich stützend eingreifen, damit niemand
auf mich draufrutscht, das ist wohl momentan die größte
Gefahr. Andere wiederum gehen schnell und locker an uns vorbei,
bei einem hören wir sogar eine Lawinensonde piepsen. Eben noch
meinte Stephan, dort oben, etwa 60m vor uns, könnte das Stollenloch
sein, als es auch schon etwas mehr aufreißt und wir direkt
am Felsen gegenüber Teile der Station sehen können. Jetzt
noch die letzten zwei Seilschaften vorbei lassen und endlich können
wir weiter, wir haben freie Bahn. Zunächst noch 30m aufwärts
- allerdings weniger steil - und dann die letzten 30 Meter eben
über den schmalen Grat. Gerade jetzt heißt es aber mit
voller Konzentration, einen Schritt nach dem anderen und den Eispickel
richtig und sicher setzen. Denn links und rechts von uns geht es
richtig steil mehrere hundert Meter abwärts. Da ist zwar mal
ein Blick erlaubt, aber beim Gehen immer den Weg im Auge behalten.
Nun geht es doch ganz schnell und schon erreiche ich das kleine
Törchen, das den Eingang zum Stollenloch markiert. Ein Blick
zurück zeigt mir, dass die anderen drei nur wenige Meter hinter
mir sind und ein paar Sekunden später sind wir alle vier auf
sicherem Terrain. BERG HEIL, das war noch
mal ein Abenteuer, zweieinhalb Stunden haben wir letztendlich gebraucht.
Wir
machen noch ein paar Fotos und plötzlich wimmelt es nur so
von Tagestouristen. Japaner ohne Ende, die gibt es wirklich überall.
Dann gehen die Japaner richtig ab, Stephan und dann auch ich müssen
als Fotomodell mit aufs Erinnerungsfoto. Offenbar machen wir uns
gut, so vereist und eingemummt wie wir aussehen. Wir sollten uns
überlegen, ob da nicht ein kleiner Nebenverdienst für
uns rausspringen könnte. Jetzt aber endlich Seil, Steigeisen
und alles andere unnötige Zeug weg und nach getaner Arbeit
ist heute der Flachmann dran, den Alex schon ein paar Tage mit sich
rumschleppt. Wir unterhalten uns noch mit ein paar Leuten, um dann
aber endlich in Richtung Seilbahn weiter zu gehen. Bevor wir einsteigen
können, müssen wir erst noch mal einige Minuten warten,
was wieder ein paar Japaner dazu bewegt, schnell Fotos mit uns zu
schießen. Die sind kaum zu bremsen und bedanken sich tausend
Mal. Dann endlich rein in die Gondel und ab nach unten, einmal umsteigen
und ruckzuck sind wir wieder im Tal. So, jetzt raus aus den dicken
Sachen und dann heißt es Zimmer suchen und sehen, ob wir auf
der Tête-Rousse noch ein Plätzchen kriegen. Das Maison
de la Montagne, wo wir noch mal das Wetter checken wollen,
hat Mittagspause, der aktuelle Wetterbericht verheißt nichts
Gutes. Übers Tourismusbüro finden wir ein kleines Hotel,
das etwas außerhalb liegt, aber auch vom Preis her akzeptabel
erscheint. Wir entschließen uns, direkt hinzufahren. Das Vierer-Zimmer
ist zwar belegt, aber wir bekommen zwei Doppelzimmer zu etwa dem
gleichen Preis. Dann rufen wir auf der Hütte an: „Alles
belegt!“. Der Hüttenwirt meint außerdem, dass es
wohl recht schwierig wird mit dem Gipfel, da viel Schnee liegen
würde. Sieht also schlecht aus. Jetzt wollen wir aber erst
mal duschen, noch mal ins Maison de la Montagne
und dann entscheiden, was wir machen. Das erste warme Wasser seit
Tagen tut richtig gut und man fühlt sich doch gleich wieder
anders. Eine Stunde später wieder zurück in Chamonix,
erfahren wir nichts Neues. Das
Wetter wird nicht viel besser, der Neuschnee dürfte wohl nicht
das größte Problem sein, denn immer noch wird starker
Wind vorhergesagt und wenn man bedenkt, dass vor allem das letzte
Stück über den Grat geht..... Wir ziehen uns ins nächste
Café zurück, halten kurz Kriegsrat und sind schließlich
einhellig der Meinung, dass wir hier nichts riskieren wollen und
somit die Tour abbrechen. Nicht wirklich gutes Wetter, kein Platz
auf der Hütte, da hilft die beste Vorbereitung nichts. Und
der Berg läuft uns schließlich nicht weg. Wir streifen
noch etwas durch die ansässigen Sportläden und staunen
immer wieder, was man für Geld alles kaufen kann. Am Ende sind
wir froh, dass wir alle unsere Kreditkarten im Zaum halten können
und gehen lieber in ein Pub, wo wir unsere dennoch gelungene Tour
mit zwei Bierchen begießen. Danach geht’s ins Hotel,
wo es nach einem „Blonde du Mont Blanc“ zum Abendessen
geht. Raclette mit einem guten Rotwein. Ausgeschlafen und nach einem
reichhaltigen Frühstück treten wir am nächsten Morgen
gegen neun Uhr die Heimreise nach Kleinostheim an, wo wir um 15:30Uhr
ankommen.
Fazit: Auch ohne Gipfel
ein tolle Tour mit zwei wunderschönen Tagen, einem erholsamen
Tag auf der Hütte und am Ende sogar noch etwas Abenteuer. Alle
waren begeistert, Jürgen und Stephan haben als Gletscherneulinge
ihre Feuertaufe bestens bestanden und auch Alex und ich haben wieder
einiges an Erfahrung sammeln können, sei es bei ungewollten
Rutscheinlagen oder beim letztendlich erfolgreichen Orientierungsmarsch.
Beim nächsten Mal nehmen wir dann auch wieder unseren diesmal
gehandicapten Bergkameraden Stefan
mit und hoffen einfach auf besseres Wetter. Und hier geht es zur
Bilderserie.
Jogi
Reising
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