Frustbewältigung:
Schwimmstart war optimal und Körperkontakt mit anderen Schwimmern
hatte ich nur bei der ersten Wende, als einige Sportskameraden abkürzten
und mir von rechts rein schwammen. Das gab aber ordentlich Haue
vor mir ;-) Ansonsten Kraft ohne Ende, leicht und locker nach 59
raus. Mir kam es so vor, als hätte ich noch gar keinen Sport
gemacht. Nach 1:05 stieg ich auf meinen Bock, fuhr entspannt los.
Spürte allerdings ein leichtes Kratzen im Hals. Führte
das aber irgendwie auf das (kalte? raue? schmutzige?) Wasser zurück.
Es lief alles wie am Schnürchen, dachte mir "Das
ist mein Tag", denn ich liebe ja genau dieses kühle
Wetter. Lies mich auch von den vorbei sausenden Gruppen nicht beirren
oder mitziehen. Nach 20km machten sich erstmals leichte Rückenschmerzen
in der Lendengegend bemerkbar. Nach 30 km hatte ich 51 min und fühlte
mich immer noch richtig genial und hatte super Beine, scheinbar
alles ohne Anstrengung, ich jubelte innerlich. Bei km 40 wurden
die Kreuzschmerzen schon richtig bedenklich. Ich richtete mich auf,
fuhr Oberlenker, machte Dehnungsübungen auf dem Rad. Bei km
50 konnte ich schon nur noch an meinen Rücken denken, es blockierte
mich völlig, konnte kaum noch auf dem Triathlonlenker liegen
und richtete mich öfters auf. Langsam wurde es aber durch meine
Dehnübungen zumindest zeitweise wieder besser und ich konnte
einigermaßen ungehindert fahren.
Dann
irgendwann vor Bad Vilbel so bei km 70 traf mich ein anderer Hammer.
Innerhalb weniger km hat es mich förmlich zerrissen. Nix ging
mehr. Ich stand praktisch und hatte keine Ahnung warum oder was
los war. Ich bekam die Panik: "Immer noch
110 km vor mir".... Mit letzter Kraft (das kann man
wörtlich nehmen) fuhr ich in Bab Vilbel den Berg hoch, stopfte
oben jetzt tonnenweise alles Essbare in mich rein und rollte nach
Frankfurt runter. Kurz vor Ende der 1. Runde war ich breit ohne
Ende, dachte gerade daran, wie ich noch halbwegs ehrenvoll aussteigen
könnte, als mich ein Kampfrichter wegen Windschattenfahrens
anpfiff, mir 6 min aufbrummte und ich kurz absteigen musste. Gern
nutze ich das als kleine Pause, stieg dann aber wieder auf mein
Rad und dachte mir, dass es vielleicht wieder besser wird, wenn
ich ein paar Minuten in der Strafbox stehe. Ich suchte also sehnlichst
die nächste Strafbox auf, zu der ich bei km 110 auch kam. Vorher
nahm ich an der Verpflegung noch alles ess- und trinkbare auf, um
das in der Strafbox rein zu schieben. Kaum waren 4 der eigentlich
6-minütigen Zeitstrafe vorbei, schob mich die gutmütige
Frau aber schon wieder auf die Strecke. Ich wollte noch protestieren
und ihr sagen, dass ich gern noch ein bisschen länger in der
Strafbox bleiben würde, aber keine Chance, ich war leider wieder
im Rennen.
Immerhin waren meine Rückenschmerzen jetzt weg.
Bei der Frage "Wie krieg ich nur die restlichen
72 km rum"? bekam ich wieder die nackte Angst. Ich hoffte,
dass jetzt meine Schaltung bricht, ich einen Platten bekommen würde
etc. Ich könnte ja solange Windschatten fahren, bis ich aus
dem Rennen geholt würde. Oder einfach umdrehen? Mit diesen
Gedanken fuhr ich weiter und ein kleines Wunder geschah, denn ab
130 ging es wieder etwas aufwärts mit mir. Scheinbar puschten
mich jetzt die Tonnen von Power Gels ordentlich hoch. Ich dachte
"O.k., der Tiefpunkt des Rennens ist vorbei,
vielleicht hast du anfangs nur zu wenig gegessen" und
schöpfte wieder Hoffnung. Ich fühlte mich zwar nicht so
wie geplant und fuhr die letzten 72 km nur einen 28er Schnitt, aber
immerhin - ich fuhr und glaubte sogar wieder an ein halbwegs ordentliches
Rennen. Nach 182 km endlich runter vom Bock, Beine waren steinhart,
konnte kaum gehen, der Knockout bei km 70 hatte scheinbar Spuren
hinterlassen, ich fühlte mich angezählt. Ich wechselte
also bewusst langsam und lief so langsam wie überhaupt möglich
los (19:30 min bei km 3). Dann plötzlich Meter für Meter
wurde mein Rücken wieder steinhart. Die Schmerzen waren jetzt
einfach unerträglich, nach 5 km musste ich gehen, streckte
mich, dehnte mich. Das half ca. 300 m, dann war der Rücken
wieder knochenfest. Mir fiel ein, dass
mein alter Freund Matthias, der Zuschauer war, sich in solchen Sachen
auskennt und fragte ihn nach Hilfe. Er wusste auch Rat und sagte
mir, ich sollte mich auf den Bauch legen, ein paar Sekunden entspannen
und dann den Oberkörper "Wirbel für
Wirbel" aufrichten. Immerhin konnte ich so jetzt schon
1-2 km joggen, bevor die Schmerzen wieder kamen. Ich machte also
an der Strecke im Gras öfters meine Übungen (dass dies
für Aufsehen sorgte, kann man sich denken) und joggte dann
weiter. Als ich dann mal wieder gerade irgendwo im Gras lag, kam
ein Notarzt herbei gerannt, der mich so sah, fuchtelte aufgeregt
vor mir rum ("Kannst du mich hören"?
-- Klar konnte ich den hören, ich machte halt nur grad meine
Übungen...;-) und nahm mich sofort mit in sein Zelt.
Dort wurde ich in Decken eingepackt, bekam eine tolle
Rückenmassage und eine warme Kompresse auf den Rücken.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern wann das war, wahrscheinlich
in der 2. Runde. Nach ca. einer halben Stunde stand ich wieder auf,
verlies das Zelt, um weiter zu laufen. Der Kreislauf war durch die
lange Pause völlig abgesackt und die Beine hart wie Stahl.
Ich war zum 2.x und diesmal endgültig aus dem Rennen raus.
Immerhin konnte ich wieder aufrecht gehen so lange es nicht bergab/-hoch
oder über Kopfsteinpflaster ging. Ich joggte also jetzt in
der Ebene von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation, bis gar
nichts mehr ging. Das müsste so nach 12h gewesen sein und mittlerweile
war auch meine Moral völlig weg. Längst ging es nur noch
darum, keinen Krampf zu bekommen, um wenigstens durchs Ziel zu kommen.
Im Ziel und die ganze Nacht war es mir ordentlich
kalt und das Kratzen im Hals lies auf eine leichte Erkältung
schließen. Auch dürften die 2 Mandelentzündungen
mit Antibiotika im Juni nicht förderlich gewesen sein. Trotzdem
sitzt der Frust richtig megatief, war ich mir doch sicher, zumindest
unter 12 h zu kommen und so wie es die ersten 2-3 h losging, dachte
ich sogar an unter 11 h. An dem Verlauf werde ich wohl erst mal
eine Weile schwer kauen müssen. Das Rennen war bei km 70 praktisch
gelaufen. Die "restlichen" 10
h waren pures Überlebenstraining und Psychokrieg. Hätte
ich doch nur wieder bei 30° einen lupenreinen Einbruch beim
Laufen gehabt, hätte ich eine schöne einfache Erklärung
(jaja... ich bin halt ein Fettsack ;-)), aber im 1. Drittel bei
"meinem" Wetter -- das nervt
gewaltig... Danke an alle, die mich auf der Strecke angefeuert haben
(manche hab ich wohl zu spät erkannt). Ohne Euch wäre
ich mit Sicherheit vorzeitig aus dem Rennen raus gegangen, was mich
jetzt garantiert noch mehr ärgern würde....
Bis demnächst dann auf der Piste oder sonst
wo,
Karsten (http://www.karsten-kessler.de)
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