03.07.2005
Arnd Hille mit Partner vom 26.06.- 2.07. auf der Jeantex-Tour-Transalp
Er
ist schon auf einigen Kontinenten seinem Ausdauersport nachgegangen.
An lange Duathlons hat er sich gewagt, Triathlons verschiedener Distanzen
waren dabei, natürlich auch Hawaii, Wisconsin, Florida sowie
hochkarätige Events in vielen europäischen Ländern.
Am letzten Sonntag stieg Arnd
Hille mit Stephan Grundmann, einem Freund und Sportkameraden aus
Griesheimer Triathlon-Zweitligazeiten, in einen Teamwettbewerb ein,
dessen Ergebnis für ihn vollkommen offen war. Es handelt sich
bei der Jeantex-Tour-Transalp
um die so genannte große Alpenüberquerung. Ein Etappenmarathon
dieser Größenordnung mit dem Rennrad stellt für jeden
Radsportler eine große Herausforderung dar. Sieben Tage lang
geht es über 17 spektakuläre Alpenpässe, von Deutschland
über Österreich, die Schweiz, bis nach Italien. Eine derart
hohe und dauerhafte Beanspruchung bis an die Leistungsgrenze bedarf
einer sorgfältigen Vorbereitung. Sieben Bergetappen
am Stück hat nicht einmal die Tour de France! Bei
dieser Radtour geht es in erster Linie um Teamarbeit. Also darum,
den Partner zu motivieren, wenn nichts mehr geht. Es geht um den
gemeinsamen Sieg und um den über sich selbst. Die Motivation
für diese anspruchsvolle Alpenüberquerung nahmen beide
aus dem Reiz einer vollkommen neuen Herausforderung und einer gewissen
Neugier auf eine Strecke dieser Dimension. In den Monaten der Vorbereitung
konzentrierte sich Stephan auf verschiedene Radrennen und Radmarathons.
Arnd startete bei einer Reihe von Triathlons mit unterschiedlichen
Distanzen und trainierte auf dem Rad mit unseren Ironmännern
Roger Uhl
und Volker
Hain. Die für solche Vorhaben notwendige spezielle Lebensweise
sowie Ernährung und Equipment stellen für Ausdauersportler,
die seit 15 Jahren Triathlon betreiben und viele Lebenskilometer
auf dem Rad verbrachten, nicht mehr die größten Probleme
dar. Als Ziel formulierten sie: „gesund
ankommen, Spaß haben und unter die ersten 100 Teams fahren“
„Die erste Etappe haben wir überlebt“
Das Team „Rot und Wild“ (so
nennen sich Arnd und Stephan), startete euphorisch in Oberammergau
mit mehr als 1.000 Gleichgesinnten, bei strahlend blauem Himmel
und hochsommerlichen 32 Grad. 500 Teams, die sich teilweise profihaft
auf ihr Jahreshighlight vorbereitet haben waren nicht nur wegen
der Temperaturen heiß. Die Ambitioniertesten unter ihnen sprachen
im Tourverlauf von einer unheimlich entwickelten Leistungsdichte
im Teilnehmerfeld. Abends informierte Arnd immer seine Claudia,
meist telefonisch. Seine erste Botschaft lautete: „die
erste Etappe haben wir überlebt“. Die 110km mit
ihren 2.250 Höhenmetern waren eigentlich nur zum Einrollen
gedacht. Arnd und Stephan hatten sich vorgenommen, erstens langsam
anzugehen und zweitens gleichmäßiges Tempo zu fahren.
Nach dem Startschuss sind sie dann wie die Bekloppten (Originalzitat)
nach vorne gefahren. Mit dem Erreichen der Spitzengruppe platzte
nicht nur Stephans Reifen, sondern auch
der Traum von einem Platz unter den ersten 50 Teams. Nach dem Reifenwechsel
waren Gruppe und Motivation weg. Sie genossen fortan traumhafte
Panoramen, den strahlenden Sonnenschein und vor allem den 14%igen
Schlussanstieg nach Imst. Selten kostete eine Einrolletappe so viel
Schweiß, sie verschaffte Arnd einen ordentlichen Hitzschlag
und beiden trotzdem noch Rang 76! Die
Nacht verbrachte Arnd mit Schüttelfrost und war völlig
fertig
Schmerz ist, wenn Schwäche den Körper
verlässt
Es wurde wieder heiß auf der zweiten und längsten Touretappe
von Imst nach Ischgl. Das Team hatte keinen Defekt und kam wohlbehalten
an. Ihre Sinne wurden zwar verwöhnt von den herrlichen Alpenpanoramen,
aber die körperlichen Strapazen dadurch kaum gelindert. Eine
Kombination aus 146 Streckenkilometern mit 3200hm
bei 35°C wirkt
sich ziemlich schmerzhaft aus, insbesondere, wenn man in der Vorbereitung
zu wenige Trainingskilometer leistet. Arnd ging es sehr schlecht
- im Windschatten von Stephan nutze er erstmals den Teamvorteil
und schleppte sich so gut es ging über die Piste. Allerdings
verlor er beim letzten Anstieg zur Bielerhöhe
über die steile Silvretta Alpenstraße zwanzig Minuten
auf seinen Partner. Kein Wunder, denn über der Baumgrenze gibt
es keine Schatten mehr. Belohnt wurden sie trotzdem mit einem sagenhaften
Blick über den Stausee, auf dem derzeit ein Regatta-Höhentraining
der Ruderer stattfindet.
Etappe 3 von Ischgl nach Scoul
Heute lief es zum ersten Mal rund für das Team "Rot und
Wild". Von Ischgl nach Scuol im malerischen Graubünden
erklommen sie gemeinsam die Pillerhöhe
im Kaunertal. Mit 1.559m liegt der Pass zwar nicht besonders hoch,
doch Anstiege mit bis zu 20% haben dafür
gesorgt, dass manche Teilnehmer absteigen mussten. Unser ehrgeiziges
Team schaffte es, auf den folgenden 70km den Anschluss an die Gruppe
zu halten und erreichte als 55.(!) Team
der Herrenwertung das Ziel. Die Affenhitze sorgte dafür, dass
der Brunnen im Zielbereich zum Swimmingpool umfunktioniert wurde.
Und Arnd hatte seine gesundheitlichen Einschränkungen weitgehend
in den Griff bekommen. Tag für Tag sollte es ihm jetzt besser
gehen.
Tag 4: Schmerzen in den Beinen gehören
dazu
Die heutige Königsetappe von Scoul
nach Pontresina hatte es nicht
wegen der Höhenmetern (3.613 m) in
sich, zum
ersten Mal gab es kräftigen Regen. Vom Flüelapass
bis zum mondänen Skiort Davos war
das Wetter noch sonnig und warm. Erst an der steilen und langen
Auffahrt zum Albulapass fiel die Temperatur
stark ab und auf dem Berg waren es nur noch 7°C. Dazu kamen
heftige Regenschauer und starker Wind. Die hohe Verdunstungskälte
am Körper bei der Abfahrt macht eine gefühlte Temperatur
auf der Haut von 0°C aus und zieht die Energie aus dem Körper.
An diesem Tag erwischte es Stephan. Eine Erkältung schien sich
anzubahnen, sein Husten wurde stärker. Völlig erschöpft
und am ganzen Körper zitternd kamen unsere Fahrer im Ziel an.
Ihnen wurden sofort warme Decken und Heißgetränke gereicht.
5. Etappe: Stilfserjoch - das Dach der diesjährigen
Tour
Heute hatten Arnd und Stephan eine weitere Königsetappe zu
meistern. Beim Start in Pontresina auf 1.800m ging es zunächst
seicht bergab durch den Engadiner Nationalpark
bis Zernez. Dort wurde das Rennen hinauf auf den nicht allzu steilen
Ofenpass (2.149 m) frei gegeben. Dann
ging es hinab ins Münstertal und hinter Santa Maria über
die italienische Grenze bis zum tiefsten Punkt der Etappe nach Prad
auf ca. 900 m. Erst dann zeigte sich für die Teilnehmer
der höchste Berg dieser Alpenregion, das Stilfserjoch
mit seinen 2.761 m. 1.800 hm Anstieg am Stück sind eine enorme
Herausforderung und auch der größte Höhenunterschied
der diesjährigen Tour. 48 Kehren
erwarteten die Fahrer auf der langen Auffahrt der Stilfserjochstraße.
Nach zwanzig mühsamen Serpentinen öffnete sich plötzlich
das Panorama und der Blick lag frei auf das Joch, das sich wie eine
Wand vor den Aktiven aufbaute. Ab da mussten noch weitere 28 Kehren
bis zur Passhöhe genommen werden. Belohnt wurden alle Rennradfahrer
mit dem grandiosen Ausblick auf dem höchsten Punkt und der
anschließenden rasanten Abfahrt bis ins Etappenziel im italienischen
Bormio. Arnd spricht von "Gänsehaut
pur" und einem traumhaft schönen Erlebnis. Eine
Schrecksekunde erlebte unser Team kurz vor der Einfahrt in einen
Tunnel - direkt vor ihnen kam es zu Stürzen. Unfälle kamen
immer wieder vor, Hautaufschürfungen sind an der Tagesordnung,
hier gab es einen Beckenbruch. Etwa zehn Prozent der Starter gaben
im Rennverlauf auf. Stephan leidet immer mehr, ist es nur eine Bronchitis?
Er gibt nicht nach und will das Ziel in Riva unbedingt erreichen.
Der Gavia Pass - die größte Prüfung
Die vorletzte Etappe, 95km und 2.974hm mit drei anspruchsvollen
Pässen, hatte es in sich. Von Bormio
ging es gleich zu Beginn über den legendären Passo
Gavia, der schon beim Giro d’Italia für Furore
gesorgt hatte. Die Passstraße ist sehr schmal und in einem
schlechten Zustand. Dazu kamen Nässe, sehr kalte Temperaturen
sowie kräftiger Wind. Jetzt nutzte der entkräftete und
stark angeschlagene Stephan weitgehend die Unterstützung durch
Arnd. Bei diesen Situationen zeigt es sich, ob ein Team harmoniert
und funktioniert. Auf der Passhöhe bei 2.652 m waren es nur
noch 3°C mit leichtem Schneeregen. Auch auf dem zweiten Berg,
dem Passo Tonale mit 1.852m, besserte
sich das Wetter nicht. Erst am Passo Carlomagno
(1.682m), nur zwei Kilometer vor dem Etappenziel Madonna
di Campiglio, waren die Straßen wieder abgetrocknet.
Das
Finale
Die siebte und letzte Etappe von Madonna di Campiglio
nach Riva del Garda sollte mit knapp 71
km die kürzeste Strecke werden, was nach den anstrengenden
Bergetappen der letzten Woche für die erfahrenen Teilnehmer
wie eine Erholung war. Dennoch mussten 1.418hm genommen werden.
Der Passo Danone (1.281m) und der Passo
Durone (1.010m) mit ihren kurzen steilen Anstiegen auf schmaler
Straße hatten es nochmal in sich, bevor es über den letzten
flachen Berg nur noch abwärts zum Gardasee ging. In Riva
del Garda wurden die Rennradfahrer von einem jubelnden und
fachkundigen Publikum herzlich empfangen. Tränen der Freude
und Erschöpfung, Gratulationen von Teamkollegen und Konkurrenten
und freundschaftliche Umarmungen übermannten die Finisher im
Ziel. Am Ende konnte sich jeder Einzelne der 1.000 Fahrer zusammen
mit seinem Teampartner über die eigene Leistung freuen und
stolz darauf sein. Nach dieser harten Alpenüberquerung von
Norden nach Süden endete die dritte Jeantex-Tour-Transalp 2005
als Grande Finale mit einer großen Abschlussparty in Riva
del Garda.
Glücklich, zufrieden und etwas zerschunden nach den erlittenen
Qualen sind die beiden Freunde noch vor der späten Siegerehrung
in die heimatlichen Gefilde zurück gereist. Mit einer Gesamtzeit
von 32:26:07 Stunden, das sind durchschnittlich
24,6 km/h für das komplette Alpenprofil,
haben sie Platz 81 bei den Herrenteams erreicht. Wir gratulieren
sehr herzlich für die gezeigten Leistungen und wünschen
Stephan baldige Genesung.
Auf der sehr informativen Website des Veranstalters
sind die einzelnen Streckenetappen mit ihren jeweiligen Schwierigkeitsgraden
eindrucksvoll beschrieben und illustriert.
Roland Jäger
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