DAS HERZ EINES SPORTLERS
Hallo, Freundinnen und Freunde des Ausdauersportes!
Für alle, die brennend auf einen weiteren Beitrag gewartet haben (immerhin haben mindestens vier TSG-ler meinen ersten Bericht gelesen und mich darauf angesprochen!) folgt an dieser Stelle eine kleine Episode, über das, was uns alle am Herzen liegt. Eines vorweg: Wenn ich in meinen Beiträgen meistens die männliche Form benutze, so liegt es daran, dass dadurch die Lesbarkeit übersichtlicher wird als durch ständiges Anfügen der femininen Endung „innen“, ohne dass ich dadurch die weiblichen Leser diskriminieren will! Selbstverständlich werde ich, wenn es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, explizit darauf hinweisen!
Zurück zum Thema:
Der menschliche Körper stellt in seiner Gesamtkonzeption ein beinahe mustergültiges Verhalten in Sachen Effizienz dar. Nur wenige Organismen und komplexe Lebensformen arbeiten mit einem vergleichsweise hohen Wirkungsgrad.
Beispiel: eine normale Hauskatze (Gewicht ca. 5kg) frisst am Tag ca. 400 bis 600g Futter für ihren durchschnittlichen Energieerhalt. Vergleichsweise müsste ein Mensch bei einem angenommenen Körpergewicht von 75 kg, wäre seine Stoffwechsellage und sein Nahrungsumsatz mit der einer Katze identisch, pro Tag ca. 6 bis 9 kg Nahrung aufnehmen! Von einigen Exoten aus dem „Guiness-Buch der Rekorde“ abgesehen, die hier keine weitere Erwähnung finden sollen, genügen uns nur Bruchteile von oben beschriebener Nahrungsmenge. Auch in der Atmung stellt der Mensch mit 10 bis 16 Atemzügen zu je 500ml pro Minute einen eher genügsamen Zeitgenossen dar, gemessen am Körpervolumen. Ein wahrer „Energiefresser“ steckt jedoch in jedem von uns – im eigenen Herz!
Eine kurze Beschreibung:
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Organgröße abhängig von der Größe des jeweiligen Menschen, ca. das Volumen der geballten Faust. |
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Gewicht 250 bis 350g |
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Durchschnittliche Pumpleistung pro Tag: 8.000 bis 10.000 Liter Blut |
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Aufbau in drei Schichten: Pericard (=Herzbeutel), Myocard (=Herzmuskel), Endocard (=Innenwand mit den daraus gebildeten Herzklappen) |
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Versorgung durch Koronargefäße (=Herzkranzgefäße) |
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Sauerstoffverbrauch bei ca. 60% der aufgenommenen Gesamtsauerstoffmenge!!!!!! |
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Sauerstoffverbrauch des Herzens: 7-11ml/min. pro 100ml |
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Die Sauerstoffreserve am Myocard reicht nur für wenige Kontraktionen!!!! |
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Extrem hohe Sauerstoffausnutzung von 65-75% aus den Koronarien |
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40% des Grundumsatzes werden, in Ruhe(!) zur Aufrechterhaltung des Herz-Kreislaufsystems (inkl. Atmung) verbraucht |
Da eine ausführliche Beschreibung des Herz-Kreislaufsystems die Möglichkeiten dieses Forums sprengen würde, erfolgt hier eine grobe Funktionsbeschreibung: (Interessierten Lesern stelle ich gerne meine umfangreiche Fachliteratur zur Verfügung!)
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Unterschieden wird zwischen dem „großen“ sog. Körperkreislauf und dem „kleinen“, sog. Lungenkreislauf. |
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Unser Herz wird in zwei Hälften aufgeteilt (rechtes und linkes Herz), die durch das sog. SEPTUM (=Herzzwischenwand) getrennt sind. |
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Jede Herzhälfte besteht aus einem Vorhof (=Atrium) und einer Herzkammer (=Ventrikel) |
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Während der Schwangerschaft wird der Fötus im Mutterleib über die Nabelschnur versorgt – dabei sind die rechte und die linke Herzkammer durch eine Öffnung, das sog. „FORAMEN OVALE“ miteinander verbunden damit das Blut der Mutter den fötalen Kreislauf versorgen kann. Der Lungenkreislauf des Fötus ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Funktion, da das Kind im Mutterleib, in Fruchtwasser schwimmend, nicht eigenständig atmen kann. |
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Mit der Geburt schließt sich das Foramen Ovale, die rechten und linken Herzkammern sind nun endgültig voneinander getrennt, von der rechten Herzkammer strömt das Blut in die Pulmonalarterien und öffnet den Lungenkreislauf. Mit Entfaltung der Lungen und dem ersten Schrei beginnt nun ein Zyklus, der bei der heutigen Lebenserwartung ungefähr die nächsten 90 Jahre andauert! |
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In den Alveolen der Lunge findet der Gasaustausch statt, das bedeutet CO2 wird abgegeben und Sauerstoff aufgenommen. |
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Über die Pulmonalvenen gelangt das sauerstoffreiche Blut in den linken Vorhof und von dort, über die Mitralklappe, in die linke Herzkammer. |
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Von der linken Herzkammer wird das sauerstoffreiche Blut über das arterielle System in den Körper gepumpt und versorgt dabei all unsere Organe. |
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In den Kapillaren des Organsystems wird das nährstoffhaltige Blut ausgetauscht – mit den „Abfallprodukten“ des Stoffwechsels versehen tritt das Blut ins venöse System über. |
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Über die oberen Hohlvenen wird der rechte Vorhof erreicht – von dort wird das Blut, über die Trikuspidalklappe, in die rechte Herzkammer gepumpt – usw. .………….. |
Die Zeit verging und aus unserem Kind wurde ein Erwachsener, der eines Tages beschloss sein Leben mit Ausdauersport zu bereichern. Hoffnungsfroh suchte er Anschluss an eine weit über die Grenzen bekannte Ausdauersportabteilung, um bereits nach kurzer Zeit an seine körperlichen Grenzen zu stoßen, mit der Frage im Kopf, was ihn von den anderen unterscheidet, die mühelos längste Laufdistanzen zurücklegen, während er selbst nach kurzer Strecke, nach Luft ringend, am Wegesrand stand! (PS: Hier wird eine fiktive Person beschrieben, jedoch haben diese Beschreibungen starke Ähnlichkeit mit dem Beginn meiner eigenen Ausdauersportambitionen vom Februar 2001)
Hier die Lösung:
Ein Mensch hat in Ruhe ein Herzzeitvolumen von ca. fünf Litern Blut, das bedeutet, dass pro Minute, in Ruhelage, ca. fünf Liter Blut durch unseren Körper gepumpt werden. Das Herzzeitvolumen ist ein Produkt, das aus den beiden Faktoren „FREQUENZ“ und „SCHLAGVOLUMEN“ gebildet wird. Ein untrainierter Zeitgenosse hat eine Herzfrequenz von ca. 70 Schlägen pro Minute und ein Schlagvolumen (= die Blutmenge, die pro Herzschlag in den Körper gepumpt wird) von ca. 70ml – daraus ergibt sich das Produkt von ungefähr fünf Litern Herzzeitvolumen. Mit Beginn des Ausdauertrainings (Laufen, Radfahren, Schwimmen etc.) beginnt sich das Pumpverhalten des Herzens zu ändern, da das Herz die andauernd angeforderte Mehrarbeit mit Erhöhung des Schlagvolumens beantwortet. Dabei wird natürlich pro Herzschlag mehr sauerstoffreiches Blut in den Kreislauf gepumpt was zur logischen Folge hat, dass die Ruhefrequenz deutlich abgesenkt wird.
Unter maximaler Belastung (Wettkampf, harte Trainingseinheit) steht dem austrainierten Ausdauersportler eine wesentlich höhere Sauerstofftransportkapazität als dem untrainierten gegenüber, da bei gleicher maximaler Herzfrequenz über das erhöhte Schlagvolumen mehr Sauerstoff transportiert werden kann. Das Schlagvolumen ist der Parameter, der über maximale Sauerstoffaufnahme und damit über den maximalen Energieumsatz und die daraus resultierende höchste Belastbarkeit entscheidet!
Nach Ende maximaler körperlicher Belastung ist ein umgekehrter Effekt zu beobachten: Während unser austrainierter Athlet schon nach kurzer Zeit alle Strapazen vergessen hat und auf Außenstehende wirkt, als ob er sich nicht im geringsten angestrengt hätte, kauert der untrainierte am Boden und benötigt bis zu Stunden, um sich von den Belastungen zu erholen. Wie bereits oben beschrieben, benötigt das Herz-Kreislaufsystem nicht unerhebliche Energiemengen für den Eigenerhalt. Daraus resultiert, dass jeder Mensch einen natürlichen „Drehzahlbegrenzer“ eingebaut hat.
Über Rezeptoren registriert der Körper eine beginnende Sauerstoffschuld (als Kraul-Anfänger weiß ich genau wovon ich rede!) und beginnt Schritt für Schritt Maßnahmen einzuleiten, um ein, für das Herz-Kreislaufsystem bedrohliches Sauerstoffdefizit, zu verhindern (=Zentralisation). Unter extremsten Belastungen wird der Mensch damit bis in eine Zwangsruhe heruntergebremst, damit für das sensible Herz-Kreislaufsystem genügend Sauerstoffreserve zur Verfügung steht. Der austrainierte Sportler erreicht in der Ruhephase nach kürzester Zeit über sein hohes Schlagvolumen seine antrainierte niedrige, energiesparende Ruhefrequenz – die Rezeptoren geben nach kurzer Zeit die zurückgehaltenen Energiereserven frei, im Gegensatz zum untrainierten Zeitgenossen, dessen hohe energiefressende Ruhefrequenz, auch nach Ende der Belastungen, noch lange Zeit die Sauerstoffschuld einfordert! Es stellt sich die Frage: Gibt es eine Möglichkeit diese Sicherung auszuschalten? Die Antwort lautet: Leider ja!
AMPHETAMINE – so lautet der Name des Teufelzeugs
Amphetamine sind bereits seit 1887 bekannt und wurden zur damaligen Zeit medikamentös zur Gewichtsabnahme eingesetzt. Über Nebenwirkungen gab es zum damaligen Zeitpunkt keinerlei Erkenntnisse! Amphetamine (z.B. Ecstasy) wirken auf zwei verschiedenen Ebenen, nämlich auf der psychischen Ebene mit:
Euphorie
Gesteigertem Selbstvertrauen
Zunehmendem Realitätsverlust
Gefühl der Unbesiegbarkeit
Redezwang
Unkontrollierten Gedankensprüngen
Absenkung der Hemmschwelle/Aggressionsschwelle
Übersteigerter Sinneswahrnehmungen
Schmerzunempfindlichkeit
Und auf der physischen Ebene mit:
Verminderung des Hunger und Durstgefühles
Erhöhung der körperlichen Leistung durch:
FREIGABE AUTONOMER KRAFTRESERVEN!!!
Der interessierte Leser sollte wissen, dass unser Körper drei eigene Katecholamine (=Botenstoffe, die bei Ausschüttung die körperliche Leistung steigern, wie z.B. den sog. Fluchtreflex, Kampfbereitschaft usw.) in begrenzten Mengen produziert, nämlich:
Adrenalin
Noradrenalin
Dopamin
Diese Katecholamine dienen wie gesagt zur Leistungssteigerung in Extremsituation (Kampf– und Fluchtreflex) und werden in einem gewissen Umfang in körpereigenen Depots bevorratet. Ständige Einnahme von Amphetaminen gaukeln dem Körper, durch Ausschüttung von speziell Noradrenalin und Dopamin bei vollständiger Entleerung der Depots, Notfallsituation vor, die es überhaupt nicht gibt und führen dadurch zu einer massiven Leistungssteigerung, die jedoch mit einem hohen Preis erkauft wird: Der Körper verbraucht die in begrenzten Mengen vorhandenen Katecholamine, die eigentlich für einen Notfallbetrieb in Reserve gehalten wurden! Noch heute wird der tragische Tod des britischen Radrennfahrers TOM SIMPSON beim Anstieg am MOUNT VENTOUX, während der TOUR DE FRANCE 1967 in den Medien erwähnt.
Die Tragik dieser Aufnahme liegt darin, dass sie wenige Minuten vor dem Tod des TOM SIMPSON zufällig von einem Pressefotographen gemacht wurde!
Genannter Sportler hatte über mehrere Jahre Amphetamine eingenommen, auch während seines letzten Wettkampfes. Augenzeugen berichten, dass Simpson bereits zu Beginn des Anstieges zum Mount Ventoux mehrmals mit dem Rad zur Seite gekippt sei – der letzte verzweifelte Versuch seines vegetativen Systems den Körper zu herunter zu bremsen! Leider taten die kurz zuvor, in hohen Dosen eingenommenen Amphetamine, ihre Wirkung und setzten, unter bereits maximaler körperlicher Anstrengung, an der Steigung, die letzten Reserven an Noradrenalin und Dopamin frei, die den Körper immer weiter in die Sauerstoffschuld trieben.
Durch die bereits beschriebenen psychischen Effekte fehlte Simpson jegliche Realitätsnähe, verbunden mit einer Euphorie und Schmerzunempfindlichkeit, die dem Ende voranging. Zu Beginn wurde bereits auf die geringe Sauerstoffreserve der Koronarien (=Herzkranzgefäße) hingewiesen. Da die „Notabschaltung“ durch die von den Amphetaminen freigesetzten Katecholamine nicht mehr funktionierte, kam es kurz vor dem Gipfel zur Myocardischämie, d.h. der Herzmuskel hatte für seine Pumpleistung keine ausreichende Sauerstoffversorgung mehr! Das Ende ist schnell erzählt:
über die Myocardischämie setzt das Pumpversagen ein
die Lungenperfusion (=Durchblutung) kommt zum Erliegen und damit der Gasaustausch
Beginn der CO2-Retention (=Anreicherung von Kohlendioxid)
Über die CO2-Retention gerät der Stoffwechsel in die Azidose (=Übersäuerung)
Blockade der Katecholamin-Rezeptoren durch die Azidose
Vollkommenes Erliegen des Blutdruckes; Abebben der Pulswelle
Zusammenbruch der Blut-Hirn-Schranke
Keine Hirnperfusion mehr
Beginn des Hirntodes (nach ca. sieben Minuten tritt der Hirntod ein)
Zusammenbruch der Reizleitung des Herzens - elektromechanische Entkopplung
TOM SIMPSON weiß in diesem Moment, ob es ein Leben nach dem Tod gibt
In der stillen Hoffnung, dass ich beruflich mit niemandem von euch Jecken jemals etwas zu tun haben werde, verabschiede ich mich bis zum nächsten Mal.
Klaus Jäger oder: Der CHAOS-Krauler vom VITAMAR
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