24.07.2005 Zugspitz Extremberglauf
ein Bericht von Tobias
Hegmann
Am
vergangen Samstag machte ich mich zusammen mit Dieter Lebert auf
den Weg den höchsten Berg Deutschlands, die Zugspitze, zu erstürmen.
Nachdem ich im letzten Jahr schon an diesem Lauf teilgenommen hatte,
wusste ich ja schon ungefähr was auf mich zukommen würde.
Allerdings sollte es dieses Mal endlich auf den Gipfel gehen, nachdem
in den letzten Jahren immer wieder bedingt durch das Wetter an der
Sonnalpin Schluss sein musste. Nach der stau- und stressfreien Anreise
holten wir unsere Startunterlagen, bezogen unser Zimmer, noch gemütlich
eine Pizza verdrückt und dann ging es auch schon recht schnell
ins Bett. Geschlafen hab ich wirklich schlecht, immer wieder lag
ich wach, dann wieder eine halbe Stunde Schlaf, usw. Egal, irgendwann
war es dann endlich Zeit aufzustehen, um 7.00 Uhr hatten wir Frühstück
bestellt. Dann machten wir uns auf den Weg nach Ehrwald, wo zum
ersten Mal der Start erfolgen sollte. In den letzten Jahren ging
es immer in Garmisch los, diesmal eben auf der Österreichischen
Seite. Ein paar Tropfen fielen jetzt vom Himmel, doch bis zum Start
war zum Glück wieder alles trocken, die Zugspitze war klar
und deutlich zu sehen.
Pünktlich um 8.30 Uhr ertönte der
Startschuss
und über 700 Läufer und Läuferinnen (Teilnehmerrekord)
machten sich auf den Weg Richtung Gipfel. Bis zur ersten Verpflegung
an der Ehrwalder Alm waren fünf Kilometer zurückzulegen,
alles auf Teerstraßen. Ich versuchte schon hier möglichst
weit vorne mitzulaufen. Vorne bildeten sich zwei 4er Trupps, die
mir zu schnell waren, dahinter konnte ich aber in einer recht großen
Gruppe gut mitlaufen. Nach der Alm splittete sich allerdings alles
sehr schnell auf und der Belag wechselte von Teer zu unbefestigten
Wegen. Ich hatte mich auf Platz 10 geschoben und hatte das Gefühl
doch ein bisschen zu schnell losgelaufen zu sein. Nach der zweiten
Verpflegung ging es dann richtig los. Auf schmalen Pfaden wurde
es jetzt teilweise richtig steil, immer wieder wechselte ich jetzt
zwischen gehen, klettern und laufen. Immer steil wird es. Mittlerweile
waren wir wieder eine 3er Gruppe, motivierten uns gegenseitig. Auch
kurze Bergabstücke gab es immer wieder, doch zur Erholung konnte
man die nicht nutzen. Wenn man hier eine Sekunde nicht aufpasst,
hat man sich ruck zuck überschlagen. Dann kommen die ersten
Passagen, die man mit Hilfe von
fixierten Stahlseilen meistern muss, dann ist das Gatterl erreicht,
man steigt durch ein kleines Türchen und ist in Deutschland.
Jetzt ist es gar nicht mehr weit bis zur Knorrhütte, ab hier
kenne ich die Strecke schon vom letzten Jahr. 13,4 Kilometer sind
dort geschafft, aber gerade mal etwas mehr als die Hälfte der
Höhenmeter.
Eigentlich habe ich hier schon genug,
die Oberschenkel brennen, die Pumpe geht wie verrückt und der
Wind bläst ganz schön frisch hier oben. Zwei Isos runtergekippt,
über meine offenen Schuhbänder gestolpert, geflucht. Aber
es hilft ja nichts, der Berg ruft. Jetzt sind es ja eh nur noch
3,4 Kilometer (die 500 Höhenmeter verdränge ich geschickt
aus meinen Gedanken) dann bin ich an der Sonnalpin, dem Ziel der
letzten Jahre. Beim Schuhbinden (diesmal mit Doppelknoten) hab ich
den Kontakt zu meinen beiden Mitstreitern verloren. Es gibt immer
wieder losen Schotter, dann wieder über Felsen klettern, sogar
ein paar Schneefelder muss man noch überqueren. Ich kämpfe
mich wieder an einen der beiden heran, er sieht so aus wie ich mich
fühle. „Schnell“ vorbei.
Endlich, die Sonnalpin. Hier gibt es eine Zwischenzeit und man kann
auch aussteigen. Aber hier war ich ja schon im letzten Jahr, und
ich bin wiedergekommen um den Gipfel zu erreichen, nachdem dies
wegen Schnee und Eis bisher noch nie möglich war. 1,9 Kilometer
steht auf dem Schild, gemeint ist der Weg zum Ziel.
Fast 400 Höhenmeter sind es jetzt noch,
der härteste Teil beginnt.
Loser Schotter überall. Zwei Schritte vor, einer zurück.
Ich hab keine Kraft mehr, ich krabbel auf allen Vieren, rutsche
wieder zurück und suche verzweifelt nach festem Untergrund.
Jetzt einfach hinlegen und nach unten rollen lassen, das wäre
ein Spaß! Von oben höre ich die Bergwacht: „Gleich
kommt wieder Felsen, dann wird es besser. Gib alles, du bist in
den Top Ten!“. Die Jungs stehen vielleicht 20 Meter
über mir. „Woher kommst du?“
fragt einer. „Aus der Nähe von Aschaffenburg“.
Kennt er nicht. „Nicht weit von Frankfurt“.
„Applaus, ein Flachländer“
meint einer von ihnen. Stimmt, verglichen mit dem was ich hier erlebe
sind Spessart und Odenwald wirklich Flachland. Und der Goldbacher
Wintercross eine Highspeed-Strecke. Die letzten 200 Höhenmeter
sind wirklich wieder besser. Ich zieh mich am Stahlseil die Felsen
hoch und komme dem 9. Platz immer näher. Hinter mir greifen
noch mal ein paar Läufer an und rücken mir immer mehr
auf die Pelle. Ich gebe noch mal alles um die Top Ten zu halten.
Den Schweizer der mir an der Knorrhütte weggelaufen,
ist kann ich wieder einholen, er sieht nicht gut aus und verliert
bis ins Ziel noch drei Plätze. 200m fast flach? Ich schaue
nach oben. Mehrere hundert Zuschauer stehen auf der Plattform und
feuern mich mit Ratschen und Gejohle an. Wie komme ich bitte dort
hin? Ich muß die Treppe hoch. Wie heißt es doch immer
in der Werbung: „Ja haben die denn kein
Lift hier?“ Von den Zuschauern angetrieben und das
Ziel vor Augen kann ich sogar die Treppe hochjoggen. Dann geht es
noch mal über die Landesgrenze und in den Tunnel. Ein Lärm
wie beim Zieleinlauf vom Hamburg-Marathon. 2:21:01
Stunden, 18,3 Kilometer, 2363 Höhenmeter, ich hab es
geschafft. Ich zittere am ganzen Körper, bin völlig leer,
der Wind bläst eisig kalt. 2°C hat es hier oben. Ich hol
mir zwei Stück Kuchen und mache mich auf die Suche nach meinem
Rucksack mit den warmen Sachen. Nachdem ich mich ein bisschen erholt
habe mach ich mich dann noch mal auf zum Gipfelkreuz, wenn man schon
mal da ist….
Dieter hatte an der Sonnalpin die Faxen dicke (16,9 Km, 2022 hm,
Zeit 2:48.14,5), ersparte sich die letzten 1,9 Kilometer und holte
sich die trotzdem hoch verdiente Finisher-Medaille und das Finisherbier
mit der Seilbahn ab. Gefeiert wurde dann am Abend auf dem Kirchplatz
in Ehrwald. Nach der Talfahrt mit der Seilbahn gingen wir zum duschen,
dann ein leckeres Schnitzel verdrücken und machten einen ausführlichen
Spaziergang um die Beine wieder locker zu bekommen.Bei der Siegerehrung
durfte ich mich dann als Gesamt 9. und Altersklassensieger über
ein Muskelstimulationsgerät von EMP freuen. Und nicht nur deshalb
hat sich die Fahrt nach Österreich auf jeden Fall gelohnt.
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Tobias Hegmann
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