TSG Kleinostheim - Ausdauersport

 

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Ziel: Basecamp Mount Everest 5.300 m ü.NN

Eigentlich hatte er ein ganz anderes Ziel. Für Mitte Oktober 2004 war nämlich Hawaii geplant, aber dann kam alles anders. Vier läppische Sekunden fehlten unserem Eisenmann Volker Hain, um sich beim Opel IRONMAN GERMANY Triathlon in Frankfurt am 11.07.2004 in seiner Altersklasse M35 für das Highlight aller Ironmen in Hawaii zu qualifizieren. Seine dabei erzielte Bestzeit von 9:53:51 Std. war erste Sahne, der erfolgreichste seiner insgesamt sieben Starts, aber vier Sekunden zu langsam. Volker: "Ich freue mich über den sportlichen Erfolg und die neue Bestleistung und ärgere mich weniger über die fehlenden Sekunden." In den folgenden Wochen hatte er deshalb mehr Zeit für andere Hobbies und so konnte er einen langjährigen Traum nun endlich in die Tat umzusetzen: "Ich wollte schon immer mal nach Nepal".

Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, eine fast fünfwöchige strapaziöse Reise durchzuführen als die mit der monatelang aufgebauten Kondition eines Triathleten. Die während des intensiven Trainings zusätzlich gebildeten roten Blutkörperchen, zuständig für die Aufnahme und den Transport des Sauerstoffs zu den Muskeln, leisten in Höhen über vier- oder fünftausend Metern sehr gute Dienste. Für den interessierten Leser zur Information: bereits 1989 war Volker mit dem Fahrrad in Nordafrika (Marokko) und 1991 durchquerte er den Südwesten der USA, besuchte den Grand Canyon und erreichte Las Vegas. 1992 fuhr er von seinem Geburtsort Daxberg (dort wohnt er immer noch) mit dem Rad nach Ägypten (!). Er ist schon etwas gewöhnt und dieses neue Abenteuer bedeutete für den gelernten Raumausstatter nichts Außergewöhnliches, "trotzdem kann es mit meinen bisherigen Reisen nicht verglichen werden". Die Frage, warum er diese Tour alleine gemacht hat, beantwortet Volker mit seinem bekannten trockenen Humor: "weil keiner mit wollte!"

Anfang November 2004 war es dann soweit. Von Frankfurt ging es, mit Zwischenstopp und einer Übernachtung in Abu Dhabi, nach Dubai (Vereinigte Arabische Emirate) und weiter zum Zielflughafen in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu (1.200 m), wo die umliegenden Berge schon so hoch wie unsere höchsten Alpenspitzen sind. Hier ließ er sich zunächst die Tour von den Behörden genehmigen, indem er ein so genanntes Permit (Passierschein) für umgerechnet € 10 erwarb. Die nächsten 200 km wurden mit einem hoch betagten indischen Tata-Bus in relativ wilder Fahrt und einer neuen Rekordzeit von acht Stunden zurückgelegt. Einheimische, schwer beladen mit großen Mengen Lebensmitteln und Reissäcken, waren seine Reisebegleiter. Das Fahrtziel war die etwas größere Ortschaft Jiri, der Ausgangspunkt der nun beginnenden Trekkingtour.

In den ersten fünf Tagesetappen marschierte unser Triathlet täglich zwischen acht und neun Stunden, bis er Namche Bazar (oberes Bild) erreichte, eine Sherpa-Siedlung in 3.440 m Höhe, in der mehrere Hundert Menschen wohnen, die hauptsächlich vom Tourismus leben. Beeindruckend ist der Blick auf den Kangtega mit seinen 6.685 m im Hintergrund. Weitere fünf Tage wurden bis zum Ziel eingeplant. Weil die Luft dünner und die physischen Belastungen größer wurden, reduzierte Volker sein Tagespensum auf etwa vier bis fünf Stunden. Ein Fußmarsch zum Basislager (5.300 m) des höchsten Berges der Erde ist keine Trimm-dich-Übung, sondern harter Leistungssport. Die Messners und Habelers nutzten diesen Weg, um sich für die anschließende Besteigung der Achttausender zu akklimatisieren. Wir erinnern uns sicher alle daran, wie diese beiden Überlebenskünstler am 8. Mai 1978 als erste Menschen überhaupt den Gipfel des Mt. Everest ohne Sauerstoffgeräte erreichten.

Übernachtungsmöglichkeiten fand Weltenbummler Volker leicht in den jeweiligen Siedlungen und relativ preiswert in einfachen und sauberen Lodges. Die vielen Bergsteigerexpeditionen und Kletterkarawanen sind hauptsächlich im April und Mai hier unterwegs. Im November ist wenig los, deshalb ist es mit der Unterkunft unproblematisch. Die einheimische Bevölkerung ist freundlich und längst an den Umgang mit den vielen Fremden gewöhnt. Man verständigt sich auf Englisch. Für die Kleinsten sind die Touris schon eine besondere Attraktion, die für Abwechslung steht. Die überall angebotene, für unsere Verhältnisse sehr kostengünstige Verpflegung, nahm Volker gerne in Anspruch. Der angenehme Geschmack des nepalesischen Yakkäses und der sehr süße Milktea mit hohem Milchanteil hatten es ihm angetan. Vom berühmten schwarzen Tee war er allerdings enttäuscht. Weil Volker sich auf diese geschilderten Angebote nicht immer verlassen wollte, schleppte er in seinem Gepäck permanent sein Zelt, Kocher, Schaumstoffmatte und genügend Lebensmittel mit sich herum ("man kann ja nie wissen"). Volker (mittleres Bild) auf dem Aussichtsberg Kala Patthar in 5.550 m ü.NN, dem eigentlichen Ziel seiner Reise - im Hintergrund der Pumo Ri 7.165 m.

Je höher man steigt, desto geringer wird der Luftdruck und desto weniger Sauerstoff wird mit jedem Atemzug in die Lungen gepumpt. Kurzatmigkeit stellt sich ein, Ermüdungserscheinungen treten früher auf, auch weil der Rucksack mit der Zeit schwerer wird. Wir können allerdings getrost davon ausgehen, dass unserem Eisenmann, dem - wie gesagt - nur vier Sekunden für den Start in Hawaii fehlten, die Körner nicht ausgingen. Der Wettergott meinte es mit Volker gut. Bis auf den letzten Tag konnte er sich durchgängig auf gutes und beständiges Wetter verlassen. Die Temperaturen fielen nachts nicht unter minus sieben Grad und am Tage erreichten sie maximal 15 Grad, für körperliche Betätigungen geradezu ideal. Die in diesen Höhen extrem intensiv wirkende Sonne verlangt eine Reihe von vorbeugenden Maßnahmen. Sunblocker, Allergiecreme, Handschuhe und Kopfbedeckung sind an erster Stelle zu nennen.

Ein kleiner Umweg musste sein, kurz vor dem Ziel. Thangboche, das berühmte Lama-Kloster, von kahl geschorenen Mönchen bewohnt, war nicht nur wegen der Bewohner seinen Aufstieg wert. Dann, nach insgesamt zehn anstrengenden Tagestouren war das eigentliche Reiseziel erreicht. Das Everest Basislager in den Moränenhalden des Khumbu am Fuß des berüchtigten Khumbu-Eisfalls, der schon viele Menschenleben gefordert hat. "An diesem riesigen, atemberaubend schönen Eisfall kracht, knirscht und knackt es dauernd, aber man sieht nix".

Wegen des beständigen Wetters konnte eine Tagestour vom
Basecamp über den Cho La Pass in das Gokyotal (4.600 m) in Angriff genommen werden, um den Aussichtsberg Gokyo Ri besteigen zu können. Allerdings verhängten nach und nach Wolken die Sicht und ein Wetterumschwung bahnte sich dort oben an. Die Vorsicht zwang zur Umkehr. Insgesamt zwei Tage verbrachte Volker an diesem strategischen und historischen Ausgangspunkt vieler Erfolge, Niederlagen und Katastrophen. Er genoss die kalte und bakterienfreie Umgebung, in der man sich kaum anstecken kann. Er fotografierte und bewunderte diese einmalige Bergwelt mit der hochragenden Kette des Himalajas (unteres Bild, Sonnenuntergang am Everest). Abstieg und Rückweg erfolgten über die gleiche Wegstrecke, mit etwas weniger Kraftaufwand und einem anderen Blickwinkel. Der Rückflug von Kathmandu, über die gleiche Route wie bei der Anreise, dauerte insgesamt strapaziöse, weil schlaflose 26 Stunden, mitunter anstrengender als einzelne Trekkingetappen.

Volker hatte auf dieser Reise viel Zeit für sein zweites Hobby. Mit seiner Canon EOS Spiegelreflexkamera schoss er eine ganze Reihe beeindruckender Dias, die er auf Wunsch der Ausdauersportler im TSG-Vereinsheim vorführte und in der ihm eigenen Sprache humorvoll kommentierte. Einen Teil dieser Diaserie haben wir mit Hilfe eines Scanners mit Durchlichteinheit webfähig digitalisiert, um sie einem größeren Publikum zugängig zu machen. Hier geht es zum Nepal-Bilderalbum.

Volker auf die Frage nach seiner nächsten größeren Reise: "mich interessiert der Aconcagua (6.960 m) in den Anden von Argentinien (Südamerika)" - falls nicht Hawaii dazwischen kommt. Der Ironman Frankfurt ist seit Oktober vergangenen Jahres mit 2.000 (!) Teilnehmern längst ausgebucht. Neben Volker Hain haben eine ganze Reihe weiterer Athleten von der Abteilung TSG-Ausdauersport gemeldet. Von diesem auch international hoch angesehenen Event berichten wir zu gegebener Zeit an gleicher Stelle. Wünschen wir unserem Volker zuerst mal die Starterlaubnis für Hawaii, der Aconcagua wartet sicher noch ein bisschen.

Roland Jäger