Dies
ist ein Wettkampfbericht des 37jährigen Wahlkoreaners Christoph
Witte. Christoph ist ein 37jähriger Schiffbauingenieur aus Hamburg,
der jetzt schon fast ein Jahr in Korea lebt und dort mit Erfolg
nach Greif Club-Plänen trainiert. Der Hamburger ist ob seiner Körperlänge
von 1,87 schon in unserem Land eine ausgeprägte Erscheinung, im
Fernen Osten aber fällt er auf, wie ein Eisbär auf dem Affenbaum.
Seine Geschichte aber ist einfach herrlich amüsant und humorvoll.
Sie zeigt, wie man den Lauf zu einer Marathon-Bestzeit auch etwas
anders beschreiben kann
Moin Leute!
Nach fast 2500 einsam und alleine gelaufenen Kilometern auf eintönigen
Rundkursen, war ich am letzten Wochenende soweit mich wieder der
Marathonstrecke zu stellen. Gelaufen wurde in Gyeoungju, das ist
die alte Kaiserstadt aus einer kulturellen Hochphase Koreas. Es
werden große Augen gemacht, als ich als wohl einzige Langnase am
Fußballstadion auftauche, um mich für den Start fertig zu machen.
Nach dem Studium der Ergebnisse des letzten Jahres stelle ich mich
mutig in die 2. Reihe des 3500 Starter umfassenden Feldes und lasse
die hier üblichen Reden über mich ergehen. Verstehen tue ich natürlich
wieder kein Wort, setze aber trotzdem eine interessierte Miene auf!
Es folgt der erste Höhepunkt der Belustigung: Zwecks Respektsbezeugung
gegenüber der Gegnerschaft, massiert jeder Läufer seinem Vordermann
ein paar Minuten den Nacken, hierzu muss ich in die Knie gehen,
um dann nach einer 180° Wende, selbiges dem Hintermann zugute kommen
zu lassen. Man sollte darüber nachdenken das auch in unseren Breitengraden
einzuführen! Dann drücken alle Honoratioren gleichzeitig auf einen
Knopf und es gibt ein kleines Feuerwerk, was am helllichten Tag
wenig einleuchtend und gleichzeitig der Startschuss ist.
Sofort werde ich von ca. 200 Läufern überholt und zweifle an meinem
Tempogefühl, doch der erste Kilometer passt perfekt. Ab hier gibt
es dann auch keine Zuschauer mehr und die Läufer sind allein mit
einigen Kraftfahrzeugen, die geschickt um uns herum geleitet werden.
Ab und an sitzen ein paar Ajumas, was wörtlich übersetzt "Tasche
für die Kinder" heißt und einfach eine verheiratete Frau bezeichnet,
am Rinnstein, verkaufen lecker Unkraut und lassen uns ihr schönstes
zahnloses Lächeln zukommen.
Die ersten Kilometer kosten mich doch einiges an Konzentration und
vor allem Luft, da die Mitläufer wissen wollen wo ich herkomme und
ob ich nicht eigentlich viel zu groß sei für einen Marathonläufer.
Ich bitte darum mir meine Luft zum Laufen zu lassen und bis zum
Ziel abzuwarten, denn dann könnte sich die letzte Frage vielleicht
von selbst beantworten. Für Kilometer 9 habe ich mir eine besondere
taktische Finesse einfallen lassen: Ich uriniere ungeniert an eine
wehrlose Leitplanke, was ausdrücklich und unter Strafe verboten
ist. Ich bin Ausländer, weiß das ja eigentlich gar nicht und mache
mich anschließend daran längst bekannte Gesichter wieder zu überholen.
Die Verwirrung im Feld ist mir geglückt!
Alle 5 Kilometer sind gut organisierte Verpflegungsstände, die ausschließlich
von Schulmädchen betreut werden. Großes Entzücken und Freude wenn
ich auftauche. Hebe ich dann noch zum Gruße die Hand oder wackele
mit dem großen Zeh, kennt das infernalische Gekreische keine Grenzen
mehr. Ich bin ein Popstar! Auf jeden Fall motiviert es weiterzulaufen
...
Der Halbmarathon geht lässig und exakt mit 1:27:00 durch - ich bin
zufrieden. Kilometer 25 bis 30 ist durch eine Steigung gekennzeichnet.
Einkalkuliert waren hier etwas langsamere Kilometer, doch ich fühle
mich gut und werfe alle Überlegungen über Bord. Ich will hier schon
zulegen und fange eifrig an zu überholen. Kilometer 30 ist ein Wendepunkt
und auf dem Rückweg kommen mir doch tatsächlich einige Clubmitglieder
entgegen, die mir zu verstehen geben bisher der Vereinsschnellste
zu sein. Das motiviert das Ehrenmitglied des „Running Clubs
Korea since 1999“ noch einmal zusätzlich. Ich laufe einige
Kilometer lang recht souverän 4:00er Zeiten und fange schon an davon
zu träumen wieder SchGLMaZ zu werden. Wissenslücke? SchGLMaZ steht
für "Schnellster GL Marathonläufer aller Zeiten".
Doch zu früh gefreut: Ab Kilometer 35 fange ich an eine halbe Minute
pro Kilometer zu verlieren und weiß nicht so recht warum. Schlagartig
geht es einfach nicht mehr schneller, doch immerhin geht es noch
einigen anderen so, denn ich überhole immer noch. Das gibt immerhin
noch genug Motivation sich bis ins Ziel zu kämpfen und das Minimalziel
sub3h ungefährdet zu erreichen.
Im Zielbereich stehen dann einige hundert Zuschauer und ich bekomme
vom Sprecher gleich ein Mikrofon hingehalten. Man möchte wissen
wo ich herkomme. Vor lauter Übermut antworte ich mit meinen paar
armseligen Brocken Koreanisch, was tosenden Applaus auslöst –
man ist begeistert. Im Anschluss werde ich wieder tatsächlich um
Autogramme (bei mir sind das eher Unterschriften und vielleicht
war auch der ein oder andere Bausparvertrag dabei) gebeten, muss
auf Fotos mit Koreanern posieren, Kinder segnen und es werden mir
die Töchter zwecks Eheschließung angeboten. Ich bin ein Star, holt
mich hier raus! Viele versuchen mich auch mit meinen Namen anzusprechen:
"Laufwelk Hambulg", vielleicht hätte ich doch lieber das
Vereinsshirt tragen sollen ... :-)
Ich habe jedenfalls noch jede Menge Spaß und bin teilweise sehr
gerührt. Die Plackerei hat sich doch gelohnt und unter den Umständen
hier kann ich mit der Zeit ganz zufrieden sein. Im nächsten Jahr
soll das mit Eurer Hilfe aber wieder etwas besser werden!
Ach so: Die für viele männliche Läufer mittlerweile so interessante
Damenwertung hätte ich mit 950 Körperlängen Vorsprung gewonnen.
ACHTUNG Textaufgabe! Ich bin 1,87m groß, jetzt Dreisatz ;-)
Bis bald und wie immer mit 42.195 Grüßen
CHRISTOPH (leider noch mit 02:55:20) |