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13.08.2005: 50 und 100 km in Leipzig

Bayerische, süddeutsche und deutsche Meisterschaft über 100 km und 50 km-Lauf für die nicht ganz so Verrückten auf einem 10 km Rundkurs rund um den Auensee. Wetter: bewölkt, ca. 15 °C, leicht windig, teilweise Nieselregen.

"Du weißt nicht, wie weit Deine Kraft und Ausdauer reicht, bis Du es versucht hast"

denke ich, als um 6 Uhr der Startschuss fällt.

Die letzten Monate wollte ich ein intensives Training durchziehen, um hier und heute richtig fit ins Rennen zu gehen. Mein Ziel war eine 100 km Zeit unter 9 Stunden. Seit Monaten jedoch laufe ich nur noch zwischen 15 und 25 km in der Woche für einen guten 100 km Lauf benötigt man ca. 200. Der Grund hierfür sind ständige Schmerzen in den Beinen, für die es keine Erklärung gibt und die ein kontinuierliches Lauftraining letztendlich unmöglich machten. Die Erfahrung, dass Rad fahren, schwimmen, skaten und (unfreiwilliges) Extremwandern kein Laufersatz sind, werde ich später zu spüren bekommen. Dank der Behandlung eines Heilpraktikers kann ich seit 4 Tagen endlich wieder schmerzfrei gehen (gehen!!) und bin selbst gespannt, wie viele Runden ich durchhalte. Schon auf den ersten Metern merke ich, dass ich das Rennen locker sehen kann, denn ich laufe schon mit Beschwerden los, die sich sonst erst ab km 30 - 40 einstellen. Deshalb mache ich mir überhaupt keinen Stress und begrabe alle Hoffnungen auf neue Bestzeiten, freunde mich mit dem Gedanken an, jederzeit auszusteigen, wenn der Körper gar nicht mehr mit kann und laufe mit meinem Vater an der Seite einen Schnitt von ca. 5:10 min/km an.

Ich entdecke einige bekannte Gesichter vom Vorjahr. Die lustige durch geknallte Gabi am Verpflegungsstand sorgt für Stimmung. Der Brumm-Brumm läuft wieder mit und hoffentlich nicht in unserer Nähe. Einige Ultrabekannte aus der Heimat sind ebenfalls angereist und der knackige Italiener, den wir am Vortag bei der Anmeldung kennen gelernt haben, rennt in knapper Badehose immer hübsch vor mir her. Kein Grund also, dass Rennen nicht zu genießen.

Der Kurs führt zunächst von der August-Bebel-Kampfbahn über einen geteerten Weg an Gärten entlang. Hier liegt das Feld noch dicht beieinander und als die gemeine Schwingbrücke in Sicht kommt, wird es eng. Diese Brücke ist ca. 1,5 m breit und 100 m lang und fängt durch die vielen Läufer an zu schwingen genau wie im Vorjahr immer gegen den Schritt. Dann geht´s eine Zeit lang durch ein Waldgebiet. Hier werden endlich die Muskeln warm und als ich rechts rüber schaue, rennt der Italiener mit Badehose (und nur noch mit dieser) neben mir her. Mädels ruhig bleiben und bevor ihr alle anfangt zu laufen, er hat sich lediglich umgezogen und trug bald wieder vollständige Wettkampfkleidung .

Nach 3 km kommt die große Verpflegungsstelle mit allem, was das Läuferherz morgens um 6.15 Uhr begehrt. Wossa, Isö, Gölä schallt es sächsisch durch den Wald. Dann überqueren wir 2 weitere Brücken, zwischendrin folgt eine kleine Crosseinlage und schon beginnt die Runde um den Auensee. Ab km 6 geht s dann quasi wieder crossig durch den Wald über die Brücken und die Schwingbrücke und schließlich an den Gärten entlang zur KAMPFBAHN. Eine gut zu laufende schnelle flache Runde und ein herrliches Gefühl, morgens in den Tag hinein zu laufen.

Im Gegensatz zu anderen Langstreckenwettkämpfen bin ich heute nicht zum Plaudern aufgelegt, sondern beiße schon ab km 5. Ich überlege, wie lange es sinnvoll ist, im Rennen zu bleiben und beschließe 2 Runden durchzuhalten. Nach der ersten Runde liege ich ca. an 5. Position. Vom Kopf her bin ich fit und könnte auf jeden Fall durchhalten, also weiter geht s. In der 2. Runde wird das Rennen auch interessant, denn nun kommen ständig Läufer entgegen und man mustert und beäugt sich, grüßt einander und ruft sich aufmunternde Worte zu. Interessante Wesen kommen einem entgegen. Zum Beispiel der Müllsack : ein ca. 70 jähriger, der gehend seine Meter abspult, die Arme hält, als trägt er ständig Getränkebecher und über seiner Laufkluft einen gelben Müllsack trägt. Interessanter als eine original ostdeutsche Klofußumpuschelung!

Meine Beine machen mich verrückt. Durch die Schmerzen halte ich unbewusst immer wieder die Luft an, bekomme Seitenstechen und der Puls tobt im oberen Bereich, obwohl das Tempo sehr angenehm ist. Ich versuche mich abzulenken und denke an die ein oder andere lustige Trainingseinheit der letzten Wochen. Dank der vielen langen Mountainbikeausritte in Begleitung meiner Freundin, die keine Gnade mit mir kannte, verfüge ich nun über eine gute Beinmuskulatur, die zum Laufen leider gar nichts taugt, wie ich gerade feststelle . Doch die Leidensfähigkeit wächst enorm, wenn man öfter 80 km mit ungepolsterter Hose durch den Spessart fährt und die Erfahrung hilft mir heute.

Die 3. Runde ist eine Qual. Mein armer Vater läuft vor mir und hört sich mein Fluchen und Meckern an. Weiter geht s und ich denke an das Schwimmtraining, als ich im See die Bahn des Mutterschwanes mit Kind gekreuzt habe. Schon mal schwimmender Weise von einem fauchenden Schwan, der sein Junges verteidigen wollte verfolgt worden? Seither klappts bei mir auch mit dem Kraulen! In Runde drei bei km 34 läuft der seltsame Brumm-Brumm auf uns auf. Brumm-Brumm deshalb, weil keiner weiß, wie er heißt und er bei jedem Wendepunkt im Stadion ein Motorrad nachahmt und mit Motorengeräusch und 8000 Umdrehungen zur Belustigung aller durch die Kampfbahn rauscht. Er trägt viel zu warme Kleidung, eine weite Boxershorts bis unter die Knie und patscht, als läuft er mit Taucherflossen und wird die 100 km in einer beachtenswerten Zeit beenden. Gott sei Dank zieht er schnaufend und prustend bald vorbei.

Ich beschließe nach der 3. Runde auszusteigen. Es geht einfach nichts mehr. Ich bitte meinen Vater alleine weiter zu laufen und nehme frustriert Tempo raus. Mein Vater schafft es, durch gutes Zureden und Überreden, dass ich weiter im Rennen bleibe und in die 4. Runde gehe. Der Stadionsprecher tut sein übriges und erwähnt, dass ich im Feld an 5. Stelle in der deutschen Frauenwertung liege. Das setzt kurz neue Energie frei und ich spiele sogar mit dem Gedanken die 100 voll zu machen.
Marathonzwischenzeit: 3:37 h.

Zur Stärkung greife ich an der Verpflegung einen Becher Schleim , der mir beim Rennsteig schon so gut getan hat und nehme einen tiefen Schluck. So schnell, wie er drin ist, ist er wieder draußen und in hohem Bogen genau vor den Füßen einer Zuschauergruppe. Was beim Rennsteig wie süßer Griesbrei geschmeckt hat, zähflüssig und warm, entpuppt sich hier als kaltes graues Gebräu, leicht salzig Wasser mit Farbe. Ich bleibe also bei Wasser und Cola. Die Euphorie hält genau solange an, bis ich aus dem Stadion draußen bin, dann machen die Beine zu. Stellt Euch vor, ihr habt Backsteine in den Oberschenkeln, die Beine schmerzen ohne Ende und machen, was sie wollen, jedoch nicht was Ihr wollt. Mentale Stärke kann Trainingsrückstand nicht ausgleichen. Nun werden die Kilometer immer länger. Eine kurze Gehpause wäre jetzt prima, doch danach würde ich nicht mehr laufen können und zum gehen ist es zu kühl. Auch die 4. Runde hat irgendwann ein Ende und eine weitere und letzte wird noch zu schaffen sein. Mein Vater bleibt zurück und ich setze alleine meinen Weg fort.

Die entgegen kommenden Gesichter sind auch nicht mehr so entspannt, wie in den ersten Runden. Nun wird gekämpft und gebissen. Ich hole den Italiener ein und laufe neben ihm. Er spricht italienisch und französisch, weder deutsch noch englisch. Irgendwie schaffen wir es trotzdem, uns ein wenig zu unterhalten und sofern ich ihn verstanden habe, hat er die Füße voller Blasen und möchte 8:49 h laufen. Kann natürlich auch sein, dass er mitteilen wollte, seine Schuhe haben 84,90 Euro gekostet. Ich lasse ihn wieder ziehen, genau an der Stelle, an der mein Bekannter die gelbe Karte von einer Kampfrichterin bekam, die ihre Aufgabe sehr ernst nahm.

Auf einer Meisterschaft sind individuelle Betreuung, Handys, MP3-Player und andere Hilfsmittel, die zur Motivation eines Teilnehmers führen nicht erlaubt. Mein Bekannter lief außer Konkurrenz mit seiner Freundin die 50 km. Sozusagen als Staffel, weil keiner der beiden die 50 alleine geschafft hätte. Und genau in dem Moment, als er sie küsste, sprang die Kampfrichterin mit der gelben Karte zwischen die beiden und erklärte ernsthaft, Küssen ist bei Meisterschaften während des Rennens verboten. Kein Scherz! Hätte er alle Frauen im Feld der Gleichberechtigung halber geküsst, dann wäre es wahrscheinlich ok gewesen! (Einer anderen Läuferin nahm sie den MP3 Player weg der Italiener durfte seine Badehose jedoch anbehalten, obwohl diese mich auch über einige km hinweg motivierte.

Auf dem Weg zum Ziel schmunzelte ich trotz aller Qualen über die längste und spontanste Trainingseinheit, die einer Freundin und mir passiert ist. Aus einer Wandertour, die ursprünglich 2 Stunden dauern sollte, wurde 5 Stunden Extremwandern über 28 km durch den Spessart und später durch die Nacht mit Heimkehr kurz vorm Hungertod mit Verdursten gegen 23 Uhr. Hey, an der großen Verpflegungsstelle gibt es ja Schokolade. Die hatte ich bisher übersehen. Ich nehme einige Stückchen mit, um mir die letzten 4 km zu versüßen. Auf den verbleibenden km werde ich gesprächig, lasse mich dennoch von Mitläufern nicht zum Weiterlaufen überreden und beende das Rennen vorzeitig nach 50 km und 4:20:58 h. Die Moral von der Geschichte: Laufpause, bis ich wieder schmerzfrei trainieren kann und vorher keine Wettkämpfe! trotzdem gut zu wissen, das so´n läppischer Fuffziger spontan immer drin ist.

Katja Friedländer