09.09.2005 Durchkommen ist
alles - ein Bericht von Manfred Fendrich
(Main-Echo)
Der
Deutschland-Lauf vom 12. bis 28. September: Fast 1200 Kilometer
in 17 Tagen von Rügen nach Lörrach. Tag für Tag 70
Kilometer auf Landstraßen von Mecklenburg und Vorpommern bis
Baden und Württemberg. Gemeinschaftsduschen, Massenlager in
Turnhallen, rustikale Organisation. Außer Günter Guderley
aus Unterfranken dabei: Walter Zimmermann, der Postbote aus Marktheidenfeld,
am Start für seinen neuen Verein LG Würzburg. Und Rainer
Koch aus Dettelbach, der als Favorit auf den Sieg zählt. Wobei
Platzierungen bei dieser Extremsport-Verstaltung unwichtig sind.
Alles, was zählt, ist durchkommen.
Der Druck ist er selber
Günter Guderley macht sich auf den Weg
Was ihn erwartet, weiß er nicht. Aber er glaubt, alles getan
zu haben, was er dafür hätte tun können. Am Samstag
nimmt er den Schlafwagen nach Stralsund, Montagfrüh um sechs
steht er am Leuchtturm von Kap Arkona. Das Unternehmen heißt
Deutschland-Lauf und soll die rund 70 angemeldeten Teilnehmer von
der Nordspitze Rügens in 17 Tagesetappen 1190,3 Kilometer weit
bis hinab nach Lörrach an der Schweizer Grenze führen.
Es ist der persönliche Traum eines 52-Jährigen: »Mein
Traum, dieses Land Schritt für Schritt zu durchqueren.«
Für dieses Ziel opfert der Bankdirektor aus Goldbach, nebenbei
Vater des Aschaffenburger City-Laufes, einen Großteil seines
Jahresurlaubs. hat er ein Jahr lang täglich trainiert. Sieben
Tage die Woche, bei Wind und Wetter, bei Nacht und Nebel.
»Vier Mörderetappen«
Es war keine leichte Vorbereitung, sondern ein
geradezu anachronistisches Training für einen Wettkampfläufer
mit etlichen Marathons in den Beinen. Denn es galt in den vergangenen
Monaten nicht, schneller zu werden, sondern zu lernen, langsamer
zu laufen. Nur wer beim Unternehmen D in der Lage ist, 17 Tage am
Stück vorwärts zu kommen und dabei Kraft zu sparen, hat
eine Chance, den Bodensee zu erreichen.
Es scheint ihm gelungen zu sein. »Ja,
ich bin wirklich runter gekommen. Es fällt mir nicht mehr schwer
- im Gegenteil: Im Moment könnte ich gar nicht schnell laufen.
Der Kopf spielt mit.« Er ist ganz verrückt auf
diese verrückte Tour, von der er nicht weiß, was sie
ihm bringen wird.
Immerhin
eines weiß er: Am schlimmsten werden Mecklenburg-Vorpommern
und Sachsen. Dort entscheidet sich, wer durchkommen kann. Guderley:
»Vier Tagesetappen mit über 80 Kilometern.
Alles flach, immer geradeaus, auf Landstraßen, auf Alleen.
Vier Mörderetappen.« Danach wird das heimliche
Teil-Ziel schon fast in Sichtweite sein: der Main. »Wenn
ich den Main erreiche, dann funktioniert's.«
Und die Verletzungen und Unfälle, die auf jedem
Meter Landstraße drohen? Jeden Meter kann etwas passieren.
»Ach dann«, sagt er, »dürften
wir nicht ein einziges Mal in unser Auto steigen. Nein, ich werde
nicht bei der ersten Widrigkeit aufgeben, aber auch kein Harakiri
begehen. Das ist es nicht wert.«
Vom Taschengeld der 13-Jährigen
Und dann ist da noch der selbst auferlegte Motivationsschub, der
sich zum ausgesprochenen Erfolgsdruck entwickelt hat. Denn für
jeden Kilometer bis Lörrach wird Guderley einen Euro für
Kinder, die nicht laufen können, zurücklegen - aber nur,
wenn er ins Ziel kommt. Er hat Freunde und Bekannte von seiner guten
Tat erzählt und unverhoffte Resonanz erfahren. Etwa vom Unternehmer,
der einen Euro drauflegt - oder von der 13-jährigen Tochter
von Freunden, die für jeden Kilometer einen Cent von ihrem
Taschengeld abzwacken wird.
Und so sind aus dem einen Euro des Läufers mittlerweile
15 pro Kilometer geworden, die der Stiftung für muskelkranke
Kinder zugute kommen werden - sofern der Kandidat sein Ziel erreicht.
Der Kandidat ist begeistert. Nein, Druck sei das nicht.
Nur Ansporn. »Der Druck bin ich selber.«
Günter Guderley wird uns aus Deutschland berichten.
Tag für Tag.
20.09.2005 Zur Halbzeit
liegt Guderley auf Platz 15
Zur Halbzeit des Deutschland-Laufes haben sich die Reihen
der Ultra-Sportler bereits gelichtet. Nachdem sich 69 Teilnehmer
vor acht Tagen in Rügen auf die knapp 1200 Kilometer lange
Strecke Richtung Lörrach gemacht hatten, sind nach rund der
Hälfte der Distanz nur noch 49 Läufer in der Gesamtwertung
aufgeführt. Einsam an der Spitze liegt
Rainer Koch aus Dettelbach mit bisher gelaufenen 43 Stunden, 22
Minuten und 37 Sekunden (Stand nach sieben Tagen). Auf Platz 15
liegt Günter Guderley aus Goldbach (65:27:02), zwei Plätze
dahinter Walter Zimmermann aus Marktheidenfeld. Wegen Problemen
in beiden Achillessehnen ging Gerhard Albert aus Brensbach, der
für den TV Goldbach startet, auf der fünten Etappe aus
dem Rennen.
24.09.2005 Verstehen muss
es niemand
Er
ist in der anderen Welt angekommen. »Welchen
Wochentag haben wir heute?«, fragt Günter Guderley
irgendwo zwischen Trappstadt und Prosselsheim. Warum er das fragt,
weiß er womöglich selbst nicht. Ist auch egal, denn der
Bankdirektor in Urlaub tut heute das Gleiche wie gestern und morgen
und übermorgen.
Seit anderthalb Wochen versucht der Mann, der den Aschaffenburger
City-Lauf veranstaltet, 1200 Kilometer Deutschland von Nordost nach
Südwest zu Fuß zu durchqueren. Und ist dabei längst
zur traurigen Gestalt am Straßenrand geworden wie die anderen
35, die vom Unternehmen Deutschland-Lauf noch übrig geblieben
sind. »Aus dem eleganten Läufer ist
ein schlapper Ultra geworden«, sagt er. Und versucht,
trotz der Schmerzen ein Lächeln zustande zu bringen.
»Zombie, ja Zombie«
Von Stefan Schlett, dem König der Langsamläufer
aus Kleinostheim, hat er sich Rat geholt: »Vergiss
den Wettkampf. Lauf langsam. Sonst hast du keine Chance durchzukommen!«
Seit Thüringen weiß er, dass er langsam genug ist, um
ganz Deutschland ertragen zu können. Dort hat ihn ganz locker
ein Jogger, fast zwei Meter groß, geschätzte 150 Kilo
schwer, abgehängt. »Wie ein Elefant«,
erinnert sich Guderley.
Schwer nachvollziehbar, wie ein Mann, der 65 Marathons
hinter sich hat, sich über ein solches Erlebnis freuen kann.
Aber so denken sie, sonst wären sie keine Ultras: endlich langsam
genug. Seitdem lassen ihn Platzierungen und Ergebnislisten kalt.
Hauptsache durchhalten. Hauptsache langsam genug. Sonst wird das
nichts mit Lörrach. Schlett lässt grüßen.
Euphorie, Vogelflug, Tod, Apathie
Selbst an den Anblick am Abend im Spiegel hat er sich gewöhnt.
»Man mutiert zum Monster.«
Die Strapazen, die Schmerzen, der Körper, der ständig
rebelliert und doch gegen den Sturkopf nicht ankommt. Nein, Monster
ist nicht das richtige Wort, sagt Guderley. Stefan Schlett habe
ein besseres. »Zombie, ja Zombie«,
sagt der Zombie. Diesmal gelingt das Lächeln.
Der Tag ist lang, wenn man allein unterwegs ist durch
Deutschland. Und allein sind sie die meiste Zeit, allein am Rand
der Bundes- und Kreisstraßen unter Silotransportern, Gemüsetrucks
und Autofahrern, die nicht wissen, was sie mit diesen seltsamen
Figuren mit der Startnummer auf dem Bauch anfangen sollen. Gestalten,
die sich schwerfällig vorwärts bewegen, obwohl man ihnen
noch im Rückspiegel ansieht, dass sie schon lange nicht mehr
können. Jeden Moment umfallen müssen und es doch nicht
tun. »Ich lebe auf der Straße«,
sagt der Bankdirektor. Heute 83 Kilometer. Zwölf Stunden. Alles
inklusive. Auch der Müll und die toten Tiere.
Er zählt die Pfosten an der Straße. Diese
fünf laufe ich noch, die nächsten fünf gehe ich.
Bergauf geht nur noch Gehen. Und bergab tut noch mehr weh.Was macht
der Kopf den ganzen Tag allein auf der Straße? »Gedanken,
Gefühle: alles. Euphorie, Vogelflug, Tod, Apathie. Will nicht
mehr.«
Warum das alles? Jeden Tag stellt sich Guderley diese
Frage. Grenzen erfahren, Grenzen verschieben, sagt er. Der alte
Traum, einmal im Leben dieses Land aus eigener Kraft zu durchqueren.
»Mit dem Fahrrad hätte ich mir leichter
getan.« Diesmal misslingt der Versuch zu lächeln.
»Warum« und »Was
soll das« und »Will nicht
mehr« kommen jeden Tag. Immer mittags, nach fünf,
sechs Stunden packt ihn die Krise, das alltägliche Tief. »Ja,
jeden Tag. Das muss an meinem Biorhythmus liegen«,
erzählt er am Abend. Und fürchtet morgen Mittag.
Der Radfahrer morgens um sieben
Morgens um sieben hat ihn ein Radfahrer in Sachsen-Anhalt gefragt,
was das denn soll am frühen Morgen auf der Straße mit
Startnummer und Rucksack und wo er denn überhaupt herkomme.
Rügen.
»Hä?«
Und wo will er hin?
Lörrach.
»Hä?«
Seitdem hat es Guderley aufgegeben, Menschen an der
Straße erklären zu wollen, was er tut. Nicht dem Mann,
der in Herlheim auf dem Campingstuhl an der Straße sitzt und
die vorbei kommenden Fahrzeuge zählt und über die seltsamen
Fußgänger den Kopf schüttelt. Und auch nicht den
beiden Weinbauern in Escherndorf, die von Traktor zu Traktor über
die unmenschliche Anstrengung eines Marathonlaufes diskutieren.
Als Ultra hat Günter Guderley gelernt: »Es
kann niemand verstehen. Es muss auch niemand verstehen.«
Ob
es die Deutschlandläufer selbst verstehen?
Um 4.15 Uhr hat der Tag wie jeder Tag begonnen, ging in der Turnhalle,
in der sie versuchten zu schlafen, das Licht an. 5 Uhr Frühstück.
6 Uhr Start. Wie jeden Tag. Raus in die Kälte. »Die
ersten drei Stunden sind die schönsten des Tages«,
sagt Günter Guderley und schwärmt von mystischen Begegnungen
mit dem Mond, von Nebelschwaden über dem Thüringer Wald.
Von wundervollen Sonnenaufgängen.
Dann wird es immer schwieriger. Mit jedem Meter. Vielleicht
wie in der Wüste. Dort denkst du nur bis zur nächsten
Oase. Alle zehn Kilometer eine Verpflegungsstelle. Ein Tapeziertisch,
darauf Becher mit abgestandener Cola, Bananen, Tomaten, ein paar
Keksen. Alles billig aus dem nächsten Discounter. Aber alles
inklusive. Auch die Läufer-Ehefrauen und humpelnden Ex-Deutschlandläufer
an den Tapeziertischen. Ein Käsebrot? Danke, zu schwer. Cola.
Ein Stück Tomate mit Salz. Kekse. Wasser tanken. Weiter. »Geht?s
da lang, um die Ecke?« Ja. Weiter. Zehn Kilometer bis
zur nächsten Oase. Acht Tapeziertische sind es an diesem langen
Tag.
Von lustigem Lagerleben
Das Ziel: ein Sportgelände. Die Jugend und die Fußballfrauen
sind am Trainieren. Auf die Helden des Deutschland-Laufs wartet
kein Bürgermeister und keine Miss Prosselsheim. Nur ein paar
Begleiter und der Organisator, ein ehemaliger Schiffskoch, der in
seinem Schießbuden-Wagen thront und mit strengem Blick prüft,
ob die Etappe auch lang genug war. An ihm müssen alle vorbei,
die sich ins Ziel schleppen.
Dann unter die Dusche, die für alle da ist. Wie
der Saal, in dem sonst Fußballer feiern und heute die Läufer
schlafen sollen. Ziemlich klein für drei Dutzend Gäste.
Nur gut, dass schon 30 ausgeschieden sind. Aber keine Panik, denn
im Geräteschuppen bringt man notfalls auch noch ein paar Ultras
unter. Der Saal ist ein Chaos voller Taschen und Koffer. Jeder flucht,
bis er endlich sein Gepäck gefunden hat. Matte und Schlafsack
auslegen. Irgendwo die verschwitzten Klamotten aufhängen, damit
sie bis morgen trocken sind. Man kann erahnen, wie es in ein paar
Stunden in diesem Raum duften wird. Blessuren pflegen. Aufs Abendessen
warten.
Pampe zum Selberschmieren
Die, die spät kommen, können allerdings auch Pech haben.
Keine zwei Quadratmeter zum Schlafen mehr finden. Und kein Abendessen
mehr bekommen. Für sie steht das Brot und das Glas Schokoladenpampe
zum Selberschmieren da. Vollpension wie gebucht. Alles inklusive.
Lustiges Lagerleben nach dem Geschmack des Organisators. Gute Nacht.
Günter Guderley: »Der
Eine schreit, der Andere gibt Körpergeräusche von sich.
Der Dritte schnarcht. Dauernd sucht einer die Toilette. Alle stöhnen,
weil sie alle Schmerzen haben.« Ein Saal voller Patienten.
Guderley hat seit Rügen nur einmal gut geschlafen. Im Hotel,
als seine Frau zu Besuch war. Es war auch das einzige Mal, dass
er geträumt hat - vom Laufen.
Der Jahresurlaub eines Bankdirektors. 17 Tage Deutschland
für 1000 Euro Startgeld. All inclusive.
30.09.2005 Glücklich
und kaputt
Goldbach.
Ein bisschen daheim war er schon am Mittwochnachmittag, als er in
trockenen Klamotten in der Lörracher Filiale seiner Bank saß
und endlich genießen konnte, was er sich 17 Tage lang angetan
hatte.
24
Stunden später war er wieder zu Hause in Goldbach, der Bankdirektor
und Deutschland-Läufer Günter Guderley, voller Sehnsucht
»nach meinem eigenen Bett«.
Vor seinem Haus fand er einen Pulk von Läuferkollegen vor,
die zur Begrüßung mit Sekt und Kuchen und einem Plakat
auf den müden Krieger warteten. Unter ihnen Stefan Schlett
aus Kleinostheim, der weiß, was Guderley hinter sich hat,
schließlich durfte er das Unternehmen Deutschland-Lauf selbst
schon zweimal genießen.
1204 Kilometer waren es von Rügen bis Lörrach,
für Guderley 154 Stunden, 5 Minuten und 41 Sekunden auf Deutschlands
Straßen. Unter den 37 im Ziel wird er damit 14 Plätze
hinter dem Schnellsten, Rainer Koch aus Dettelbach, gewertet, der
gut 108 Stunden unterwegs war.
»Ich bin glücklich und
kaputt«, sagte Guderley gestern. Kaputt, weil er noch
ein paar Tage brauchen wird, bis er sich wieder wie ein normaler
Fußgänger fortbewegen kann. Und glücklich auch,
weil er sein Versprechen einlösen kann, für jeden gelaufenen
Kilometer einen Euro an muskelkranke Kinder zu spenden, denen die
Gabe des Laufens versagt ist. Weil sich Geschäftsfreunde und
Bekannte der Aktion angeschlossen haben, ist ein stolzer Betrag
von rund 20000 Euro zusammen gekommen. Dafür lohnt es sich,
1200 Kilometer lang die Zähne zusammen zu beißen.
Text: Manfred Fendrich
Fotos: Harald Schreiber |