100 km Biel oder „Die Nacht der Nächte“
Einmal im Leben muss jeder Läufer nach Biel. Für mich
war es nun schon das 2. Mal. Nach ca. 6 Stunden Fahrt erreichen
wir nach 470 km Biel (Schweiz) und beziehen zunächst unser
Quartier. Ein Kulturschock erwartet mich, denn die Unterkunft ist
ein Luftschutzbunker und so ne Mischung aus Bundeswehrkaserne, Psychiatrie
und Knast. 4 Zimmer mit jeweils 9 Stockbetten (für jew. 4 Leute)
ohne Fenster erwarten uns. Das ganze ist vollklimatisiert und jedes
Zimmer sieht wie ein Heizungskeller aus. Na prima. Nach dem der
erste Schock überwunden ist, finde ich die Sache doch ganz
lustig. Wir stellen die Taschen ab und holen unsere Startunterlagen.
Ich muss dazu sagen, ich wurde erst 2 Tage zuvor überrumpelt,
die 100 km zu laufen und bin mental noch gar nicht auf die Strecke
eingestellt. Wir verbringen die Zeit bis zum Start liegend im Bunker,
treffen später einige Vorbereitungen und relaxen ein wenig.
21:40
Uhr: Die Begleitfahrzeuge (Fahrräder) wurden auf die
Strecke geschickt und wir verabschieden unser MTB Tandem …
Bis morgen in alter Frische!
22:00 Uhr: Start des 100 km Laufes. Mir
fällt auf, dass im Gegensatz zum letzten Jahr viel mehr jüngere
Leute am Start sind und wesentlich mehr Teilnehmer. Später
erfahre ich, dass es ca. 2400 Läufer gewesen sein sollen. Es
geht los. Ich habe kein gutes Gefühl, denn mein rechtes Knie
tut weh und die Beine sind seit heute morgen schwer, aufgeregt bin
ich überhaupt nicht – was soll´s. Nach 300 m muss
ich schmunzeln, vor uns läuft einer, auf dessen Trikot steht:
„Friedländer´s“. Ich frage ihn, ob er bereit
zum Trikottausch ist, was ihn etwas verwirrt. „Friedländer´s“
ist ein Sportgeschäft in Luxemburg, wie er mir erklärt,
aber sein Shirt rückt er einfach nicht raus, obwohl ich ihm
bereits mehrere meiner Shirts zum Tausch angeboten habe. Egal, nach
weiteren 500 m wird’s mir warm, der Typ läuft immer noch
neben mir und guckt völlig verwirrt, als ich mein langärmeliges
Shirt abstreife und rüber rufe: „Ich mache jetzt ernst!!“
(Hatte natürlich noch was drunter.) Wir laufen die ersten km
durch Biel und es herrscht Volksfeststimmung und ein Höllenlärm.
Irgendwann hole ich meine Vereinskollegen ein und wir laufen von
da an zusammen weiter. Prima, die beiden wollten um die 10 Stunden
laufen und ich nehme mir vor, bis km 50 dran zu bleiben. Wir passieren
die ersten Verpflegungsstellen und ich nehme mit gemischten Gefühlen
(denke noch an die Horrorerlebnisse vom letzten Jahr) Wasser und
Brot zu mir. Danach geht’s auch schon los, mein Hüftgurt,
in dem ich alles mit mir führe, was man für so eine Nacht
so braucht, drückt nicht nur auf einen Nerv, der mein rechtes
Bein seit einer Weile betäubt, sondern auch auf den Magen.
Das nächste Gebüsch gehört mir, das übernächste
1 km weiter ebenso (die Salsa Pikante lässt grüßen),
dass kann ja heiter werden. Ich muss unbedingt den Hüftgurt
loswerden, sonst gehe ich ein und funktioniere ihn mit Hilfe meines
langärmligen Shirts zu einer praktischen Umhängetasche
um.
Kurz vor km 50: An dieser Verpflegungsstelle
beichten mir meine beiden Zugpferde, dass sie aussteigen werden.
Ich glaube es zunächst nicht und bin dann total enttäuscht
und auch ein wenig sauer, da ich mich schon so auf das Finisher
Foto mit den beiden gefreut habe. Tja, wenn man sich auf Männer
verlässt, dann ist man verlassen. Alleine mache ich mich weiter
auf den Weg und hätte gerne eine Fahrradbegleitung dabei, die
das Tempo weiter durchzieht und mich antreibt.
Km
50: Die Hälfte haben wir! Ich kreische „Bergfest,
Bergfest“ in die Nacht und alle Mitläufer gucken komisch
(wahrscheinlich französisch sprechende). Von nun an geht’s
bergab. Nur noch 50 km! Nette Menschen
haben vor ihr Haus eine Reihe Teelichter in Gläsern aufgestellt,
dass sieht toll aus und gibt einem das Gefühl, da denken welche
an uns. Auch bei einer Verpflegungsstelle haben die Helfer jede
Menge Teelichter aufgestellt und der Stand sieht aus, wie eine Geburtstagstafel
– herrlich, hier renne ich auch nicht gleich weiter, sondern
genieße den Anblick.
3:20 Uhr ein Nieselregen setzt ein und
bei km 56 laufen wir in den furchtbaren
Ho Ching Ming Pfad (?) ein, der nur mit Taschenlampe zu passieren
ist und durch Unebenheiten mit Baumwurzeln und Felssteinen geprägt
ist. Nun heißt es eine Stunde höchste Konzentration,
um nicht umzuknicken oder zu stürzen, denn dieses Teilstück
ist aalglatt. Mittlerweile tratscht es wie aus Kübeln, nur
ich kann nichts überziehen, denn sämtliche lange Regen
abweisende Kleidungsstücke habe ich in meine „Umhängetaschenkonstruktion“
eingebunden. Pech gehabt! Aber Glück im Unglück, im Vorjahr
musste ich zu diesem Zeitpunkt bereits Gehpausen einlegen und die
Sonne ging gerade auf. Heute ist der Laufstil noch geschmeidig,
es tut kaum etwas weh und wir kämpfen uns durch die Nacht +
den Dreck, der bei jedem Schritt bis zur Hüfte spritzt. Aber
auch dieses Stück hat ein Ende und bald haben wir wieder Asphalt
unter den Beinen.
Km 70: Es wird langsam
Morgen und ich trällere ein paar Zeilen eines Liedes, was mir
gerade in den Sinn kommt. Endlich tun mir auch die Muskeln, Füße
und Knie weh, ich hatte mich schon gewundert, schaue auf die Uhr:
unter 7 h???
Kann das war sein? Vor Begeisterung kullern die zum ersten Mal die
Tränen – nur noch 30 km
und es könnte eine tolle Zeit geben! So, nun fange ich an,
dass Feld von hinten auf zu rollen. Endspurt….
Km 75: Ein fieser
Hügel – es geht saftig bergauf über die Kuppe und
steil bergab. Beim Überholen eines Läufers auf der Kuppe
höre ich „Hallo schöne Frau“. Ich muss schmunzeln
und denke, wenn Du mich vor 8 Stunden gesehen hättest ….
Von da an kann ich immer mehr Läufer überholen, keine
Spur von Müdigkeit, ich denke nur noch an die Zeit, ans Ankommen
und an irgendwas Voluminöses zum Essen! Verdammt, irgendwie
dauern die km von 80 bis 85
sehr lange! Nun kann ich nicht mehr und die Gedanken wechseln von
medial zu altruistisch ? - kämpf weiter! Mittlerweile stürze
ich zum 7. oder 8. Mal magenbedingt in die Pampas – es bleibt
einem auch nix erspart.
Km 90: Nur noch
10 km – vor lauter Freude kullern
schon wieder die Tränen und der Blick auf die Uhr tut sein
Übriges. Wenn ich durch laufe, gibt es eine Zeit deutlich unter
10 Stunden! Reis Dich zusammen! Ich sehe
zwei Frauen einige Meter vor mir und sprinte los, die hole ich noch!
Ein kleiner Stein hat sich in meiner Socke verirrt und unterm großen
Zeh festgesetzt. Das gibt eine Riesenblase, aber wurscht, die Zeit,
die Zeit, bloß nicht anhalten und das Ding entfernen.
Km
95: Ab jetzt ist jeder km ausgeschrieben,
die eine Frau versucht, noch mal ranzukommen, hat aber heute kein
Glück. Im Schweinsgalopp renne ich dem Ziel entgegen.
Km 99: Vor lauter
Freude und Begeisterung könnte ich glatt dieses Schild umarmen,
lasse es aber, denn der Blick auf die Uhr ist viel versprechend.
Und wieder mal kullern die Freudentränen. Schmerzen spüre
ich im Moment gar nicht mehr.
50 m vorm Ziel:
Der Sprecher ruft meinen Namen durch, meine Vereinskollegen gucken
wie die Autos (dass ich durchkomme dachten sie, nicht aber mit dieser
Zeit!) und ich überquere die Zielmatte. 9:39:48
Stunden!!!!!!!!! Das sind 2:09
Stunden schneller, als im Vorjahr. Ich
stehe zwei Schritte hinter der Matte und kann mich gar nicht mehr
beruhigen! Freudentränen ohne Ende! Oh je, eine Einladung zur
Siegerehrung, da ich als 10. Frau
eingelaufen bin! Noch dazu Altersklassensiegerin.
Oh je!
Die Siegerehrung war auch witzig, wir standen auf der Bühne
und es wurde die deutsche Nationalhymne gespielt, alle Anwesenden
im Zelt mussten aufstehen. So was hatte ich auch noch nicht. Kurzer
Bodycheck danach, tatsächlich hatte ich eine Riesenblase am
Zeh und konnte kaum mehr laufen, sehe die Welt mal aus der Sicht
Behinderter, voller unüberwindbarer Treppen… aber ansonsten
ist alles im grünen Bereich! Wir halten uns den Samstag über
wach um nicht aus dem Rhythmus zu kommen und schlafen die Nacht
von Samstag auf Sonntag 13 Stunden am Stück. Wer mehr lesen
möchte: http://www.100km.ch
oder http://www.laufreport.de
Leiden vergeht – Gold bleibt ewig! In diesem Sinne,
Grüßle,
Katja
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