ACHILLES'
VERSE
Dreh dich nicht um!
Von Achim Achilles
Laufen macht einsam. Es sei denn, man rennt in
Gesellschaft. Aber wer will das schon? Als ehrgeiziger Sportler
läuft man nicht mit-, sondern gegeneinander. Manches Duell wird
heutzutage nicht mehr mit der Pistole entschieden, sondern durch
Laktat und Lungenvolumen.
Auf diesen Testkilometer
im Maximaltempo kann ich verzichten. Nicht gleich an die Grenzen
gehen. Das bringt nichts. Erstmal wieder reinkommen. Die frische
Luft genießen. Die Geräusche. Die Ohren laufen ja mit. Wer sich
mit Ohrstöpseln oder albernen Techno-Kopfhörern akustisch abschirmt,
dem entgeht das Allerschönste. Nein, nicht das nervtötende Tirili
des Rotkehlchens oder das stumpfe Hämmern vom Specht. Da kann man
besser Schubert hören. Ein Fest für die Ohren sind die Schritte,
die sich von hinten nähern oder das Stampfen da vorn hinter der
Kurve. Wir Läufer sind Jäger und Gejagte. Bin ich schneller, werde
ich gehasst und verachte ihn. Ist er schneller, verachtet er mich
und ich hasse ihn. Am Schlachtensee gibt es keine Sportsfreunde.
Man muss den Feind schon an seinen Schritten erkennen, denn man
sieht ihn ja nicht. Egal, ob ich überhole oder überholt werde, immer
erblickt man ihn nur von hinten: den ausladenden Hintern, die schlaffen
Waden, die hässlichen Klamotten, alte Schweißränder. Die goldene
Regel des Laufsports heißt: Dreh dich nicht um! Wer sich umdreht,
der hat Angst, der ist unsicher, der hat schon verloren. Also horchen.
Mit den Fußsohlen erspüren, dieses leichte Vibrieren, das der leichtfüßige
Hintermann auf dem Waldboden erzeugt. Er muss ja leichtfüßig sein,
leichtfüßiger als ich jedenfalls, sonst würde er mich nicht überholen.
Ein Rennen um Leben und
Tod beginnt. Ich will mich nicht überholen lassen. Nicht mit mir,
nicht mit Achim Achilles. Lieber tot als Zweiter. Aber er hat den
psychologischen Vorteil des Verfolgers, des Jägers. Zart beschleunigen,
dann wieder hören. Kommt er näher? Riecht er deinen Schweiß? Wird
er schneller? Oder verschwindet das Beben? Nein. Es kommt näher.
Verdammt. Er erlegt dich. Schneller werden. Mist. Das Schnaufen
kommt näher. Peinlich, was der Idiot alles anstellt, nur um einen
wie mich zu überholen. Wie mag er aussehen? Hat er Übergewicht?
Wie alt? Bestimmt hat er eine Glatze.
Er überholt. Eigentlich sieht
er ganz normal aus. Nicht übermäßig sportlich. Etwas jünger vielleicht,
T-Shirt von einem Volkslauf in Leipzig. Ossi, wa? Ist ja auch egal.
Ich bin zum Entspannen hier. Zum Glück keine Spaziergänger da, die
mitleidig gucken. Auf jeden Fall habe ich es ihm schwer gemacht,
sehr schwer. Noch 100 Meter und er hätte aufgegeben. Der Arme. Er
hat erbärmlich geschnauft. Manche Läufer atmen hochgradig unästhetisch,
der speichelnde Hechler zum Beispiel oder pfeifende Pressatmer,
was ernste Verkrampfungen verrät. Es gibt auch die Schnauber, die
wie ein Pferd klingen. Oder Spucker, die alle paar Meter widerliches
Zeug ausrotzen.
Wirklich individuell sind nur die Schritte. Jeder Läufer hat seinen
eigenen Klang. Es gibt leichte und schwere Schritte, elegante und
stampfende, schlurfende, hüpfende, lange, kurze, schlabbrige, eiserne.
Kein Schritt ist wie der andere. Meine Schritte zum Beispiel sind
bestimmt, nicht wirklich leicht, aber kräftig dafür, entschlossen.
Ein Laufstil ist individuell wie ein Fingerabdruck. Wäre vielleicht
eine Zukunftsidee für Otto Schily. "Laufen Sie mal ein paar
Schritte", sagen die Grenzer bei der Einreise am Frankfurter
Flughafen. Der Klang wird direkt vor dem Grenzerhäuschen digital
aufgenommen und abgeglichen mit einer Sounddatei, die auf einem
Chip im Ausweis gespeichert ist. Schwere Zeiten für Fälscher. Und
einen Namen für das neue Dokument gibt es auch schon: Laufpass. |